Drittschwächste Offensive der Liga: Die mangelnde Effizienz gefährdet den Aufstieg von Hertha BSC
Pascal Klemens hatte alle Möglichkeiten. Er konnte das linke kleine Tor nehmen, und er konnte das rechte kleine Tor nehmen. „Tor machen!“, rief Patrick Ebert, der Co-Trainer von Hertha BSC. „TOOOR MACHEN!“ Da flog der Ball schon über die Latte hinweg.
Dass die Verantwortlichen bei Hertha etwas ungehalten reagieren, wenn – wie diese Woche im Training – beste Gelegenheiten leichtfertig vergeben werden, das kann man ihnen kaum verübeln. Solche Schludrigkeiten gefährden das Saisonziel.
Am vergangenen Wochenende haben die Berliner ihren Gegner Schalke 04, immerhin Tabellenführer der Zweiten Liga, über weite Strecken dominiert. Sie erspielten sich einige gute bis sehr gute Chancen. Am Ende aber mussten sie sich mit einem 0:0 begnügen. „Der Ball war unser Freund, leider hat der finale Abschluss gefehlt“, sagte Herthas Geschäftsführer Peter Görlich nach dem Spiel.
Natürlich ist das zu wenig. Auch für unseren Anspruch.
Herthas Trainer Stefan Leitl über die Ausbeute von 21 Toren aus 18 Spielen
Das Problem mit der Effizienz ist nicht neu. In sechs von achtzehn Ligaspielen hat Herthas Mannschaft kein Tor erzielt. Erst 21 Treffer sind ihr in dieser Saison gelungen. „Natürlich ist das zu wenig. Auch für unseren Anspruch“, sagt Trainer Stefan Leitl. Aktuell stellen die Berliner die drittschwächste Offensive der Liga. Nur Eintracht Braunschweig (20) und Fortuna Düsseldorf (16) sind noch schlechter.
Dass sich Hertha im Unterschied zu Braunschweig und Düsseldorf trotzdem recht weit oben in der Tabelle wiederfindet, ist vor allem der starken Defensive zu verdanken. Aber ohne Offensive wird es auf Dauer wohl nicht gehen, wenn der Berliner Fußball-Zweitligist sich seinen Traum vom Aufstieg erfüllen will.
So könnte Hertha in Karlsruhe spielen
Ernst – Zeefuik, Gechter, Dardai, Karbownik – Dudziak, Seguin – Reese, Cuisance, Winkler – Schuler.
Bliebe es beim aktuellen Schnitt von 1,16 Toren pro Spiel, würde Hertha die Saison mit gerade mal 40 Treffern beenden. Seitdem die Zweite Liga aus 18 Mannschaften besteht, haben die Berliner nur in einer ihrer sieben Spielzeiten weniger Tore erzielt: 37 waren es in der Saison 1995/96, die sie nur knapp vor den Abstiegsplätzen beendeten.
Der Bestwert der vergangenen drei Jahrzehnte wiederum datiert aus der Saison 2023/24 unter Trainer Pal Dardai, als Hertha 69 Tore erzielte. Allein 22 steuerte damals Mittelstürmer Haris Tabakovic bei.
Ein verlässlich treffender Abschlussstürmer fehlt Hertha, seitdem Tabakovic im Sommer 2024 nach Hoffenheim gewechselt ist. Gerade in dieser Saison macht sich das negativ bemerkbar. Denn da der Fokus bei Trainer Leitl eher auf einer stabilen Defensive liegt, kommt die Mannschaft ohnehin nicht zu Torchancen im Überfluss.
Die Hoffnungen ruhen auf Kownacki
Hertha hat in der Zweiten Liga die fünftwenigsten Ballberührungen im gegnerischen Strafraum. Umso wichtiger wäre es, die vorhandenen Gelegenheiten effizient zu nutzen. Nimmt man den Expected-Goals-Wert zum Maßstab, der die Qualität der Abschlüsse bemisst, dann hätte Hertha 28 Tore erzielen müssen. Tatsächlich sind es nur 21.
„Wir haben ja nicht die Tauben vom Dach geschossen“, sagt Leitl im Rückblick auf das 0:0 gegen Schalke. „Der Weg zum Tor war gut. Wir waren in der Entscheidungsfindung gut, und auch die Abschlüsse waren okay.“ Die Angreifer in gute Abschlusspositionen zu bringen, das werde auch künftig wichtig sein, sagt Herthas Trainer. Im Training jedenfalls war das in dieser Woche ein großes Thema. „Dementsprechend sind wir da schon positiv gestimmt, dass es auch klappen wird“, sagt Leitl.
Die Hoffnungen für den Rest der Saison ruhen vor allem auf Dawid Kownacki, der bisher aus diversen Gründen noch nicht zur vollen Entfaltung gekommen ist. Im Herbst hat der Pole mehrere Wochen wegen einer Sprunggelenksverletzung gefehlt. Das Trainingslager vor der Rückrunde verpasste er dann wegen eines Infekts, sodass es für ihn am vergangenen Wochenende gegen Schalke nur zu einem Kurzeinsatz reichte.
© Imago/Sebastian Räppold/Matthias Koch
In dieser Woche hat Kownacki weitere Fortschritte gemacht, auch wieder zusätzlich gearbeitet, um sich in Form zu bringen. „Er wird immer besser“, sagt Leitl. „Ich bin froh, dass er wieder da ist und dass er fast wieder der Alte ist.“
Aber eben nur fast. Wenn Hertha an diesem Samstag beim Karlsruher SC gastiert (13 Uhr, Sky), wird Kownacki zunächst erneut nur auf der Bank sitzen. Leitl hat bereits angekündigt, dass Luca Schuler wieder von Anfang an spielen wird. Doch das könnte sich bald schon ändern.
Kownacki, bis Saisonende vom Erstligisten Werder Bremen ausgeliehen, hat in der Vergangenheit schon nachgewiesen, dass er verlässlich trifft. In seinen jüngsten beiden Zweitligaspielzeiten für Fortuna Düsseldorf hat er 13 und 14 Tore erzielt. Schon nach seinem Comeback im November hat Leitl gesagt, dass Kownacki die Mannschaft in der Sturmspitze noch einmal auf ein neues Niveau heben könne.
Wie wichtig das für Herthas Aufstiegsambitionen wäre, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. In den jüngsten zehn Spielzeiten stellte der Meister der Zweiten Liga sechsmal den Torschützenkönig, und von den 21 Aufsteigern in dieser Zeit hatten nur drei keinen Spieler aus den Top Ten der Torjägerliste in ihren Reihen.
Luca Schuler, mit fünf Treffern derzeit Herthas gefährlichster Stürmer, belegt unter den Torjägern der Zweiten Liga derzeit Platz 15. Dawid Kownacki und Sebastian Grönning teilen sich mit je drei Toren Platz 36.