Furchtloser Mythenmörder
Zuletzt provozierte er mit einer Erkenntnis, die sich kaum sensationeller vorstellen lässt: Jesus könnte die Kreuzigung überlebt haben. Erwiese sich dies als wahr, gerieten die Säulen des Christentums ins Wanken. Johannes Fried hatte gute Indizien für diese Hypothese, und als Spinner konnte man den Autor von »Kein Tod auf Golgatha« (2019) sowieso nicht abtun: Fried war ein Historiker von internationalem Renommee, ein führender deutscher Mittelalterexperte. In Heidelberg studierte er und promovierte 1970; nach einer Professur in Köln hatte er bis 2009 den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte in Frankfurt am Main inne. Dort entfaltete Fried eine Mischung aus methodischer Schärfe, erzählerischer Strahlkraft und Kühnheit, die ihn herausstechen ließ aus dem Gros blasserer Fachkollegen. So nahm er die Erkenntnisse der Hirnforschung in die Geschichtsschreibung auf, indem er analysierte, wie gut das Gedächtnis der Zeitzeugen, auf die wir uns heute stützen, wirklich funktioniert. Wenige Kollegen schalten ihn, viele rühmten ihn; sein Mitmediävist Horst Fuhrmann nannte ihn einen der »originellsten Historiker deutscher Zunge«. Sogar das Bild Karls des Großen als »Gründervater Europas« wagte Fried zu zerschmettern. Er entlarvte diese längst zur vermeintlich historischen Wahrheit beförderte Überlieferung als Erfindung – spätestens – der Nazis. Auch hier wieder: Wer sich ihm anschließt, müsste grundsätzlich nachdenken, in diesem Fall über den ehrwürdigen Karlspreis, der alljährlich verliehen wird an Menschen oder Institutionen, die sich um Europa verdient gemacht haben. Johannes Fried starb im Alter von 83 Jahren in Heidelberg.