In welchem Sarg würden Sie Ihr Kind beerdigen?

Die härteste Szene in diesem »Tatort« dauert nur wenige Sekunden und hallt doch lange nach. Eine Frau scrollt sich durch einen Onlinekatalog mit Kindersärgen. Einer der Särge ist gestaltet wie ein Hühnchen, ein anderer wie ein Entlein. Einer ist rosa gestrichen, ein weiterer hellblau mit Schäfchenwolken.

In welchem Sarg würden Sie ihre kleine Tochter beerdigen, wenn sie bei einem Unfall ums Leben gekommen wäre?

Die Frau, die sich durch den Katalog kämpft, ist am Anfang dieses Krimis in einer Regennacht durchnässt und verwirrt auf einer Polizeistation erschienen. Angeblich war ihr Auto geklaut worden, ihr Sohn und ihre Tochter saßen noch drin. Kurz darauf wurde der Wagen aus dem Neckar gezogen. Das Mädchen ist tot, der Junge verschwunden. Jetzt treffen Erpresserbriefe ein, in denen Lösegeld für ihn gefordert wird. Die Mutter muss also einerseits darüber nachdenken, wie sie mit den möglichen Kidnappern des Sohnes umgeht und andererseits die Beerdigung der Tochter organisieren.

Das Trauerspiel um die Kinder – das ist ein gewisses Konstruktionsproblem – bildet in diesem »Tatort« aber nur den Rahmen für ein Beziehungsdrama: Pony Hübner (Kim Riedle) war früher mal eine Internet-Berühmtheit, die für nichts anderes prominent war, als prominent zu sein. Ihr Ehemann, der Medienunternehmer Stefan Hübner (Hans Löw), hatte sie mittels seiner Heftchen und Portale zu einem sogenannten It-Girl aufgebaut. Das war noch vor der Hochzeit von Instagram und TikTok.

Es grüßt die Katze vom Blechdach

Jetzt leben die beiden in stiller Verachtung in ihrer 400-Quadratmeter-Villa im Neureichen-Dekor nebeneinander her. Oder wie die Frau die Beziehung zu ihrem Mann gegenüber einem der Ermittler definiert: »Er hat mich gemacht. Er war mein Victor Frankenstein. Dann hat er mich klein gemacht.«

Die Dialoge und Monologe sind pointiert. Sie stammen aus der Feder von Wolfgang Stauch, der auch das Drehbuch für den Opern-»Tatort« aus Köln vom vergangenen Sonntag geliefert hatte. Große Teile des Krimis sind als Kammerspiel angelegt, bei dem das Paar misstrauisch umeinander herumschleicht und sich gegenseitig herabwürdigt. »Die Katze auf dem heißen Blechdach« in neobarocker schwäbischer Influencerinnen-Kulisse.

Die Kommissare Bootz (Felix Klare) und Lannert (Richy Müller) müssen nur zuhören, da erschließt sich die unheilvolle Symbiose, die auch noch bei abnehmender Berühmtheit intakt scheint: Sie braucht ihn und seine Medien, um darin ihr Spiegelbild zu finden. Selbst wenn dieses Spiegelbild inzwischen wenig schmeichelhaft ist – um im Gespräch zu bleiben, hatte sich das It-Girl auch Schlägereien mit Konkurrentinnen geliefert. Der dabei entstandene Selbsthass wird mit Alkohol heruntergespült. Wege zum Ruhm sind oft auch Wege zum Rum.

Ist es Hass oder Liebe?

Das Ex-Promi-Drama (Regie: Friederike Jehn, »Tatort: Du allein«) ist auf einen engen Zeitraum verdichtet, hinter dem wohlstandssatten Zynismus tun sich schnell Ambivalenzen auf. Die Abhängigkeiten innerhalb des Ehepaars sind nicht so eindeutig gelagert, wie es am Anfang scheint. Im Beziehungskrieg blitzt plötzlich Liebe auf. Pony und ihr Mann können nicht miteinander. Aber noch viel weniger können sie ohneeinander. Irgendwann tanzen die Zankhälse zärtlich zu der Soulballade »Falling Leaf« von Bud Ross and The Asylum , während im Pool traurig das Herbstlaub treibt.

Aber genau hier zeigt sich das Problem mit der Erzählstatik: Schwer vorstellbar, dass sich das Paar unter dem frischen Eindruck des schrecklichen, gesicherten Verlustes zumindest eines seiner Kinder eine Nacht lang nur um die Achse ihrer eigenen kaputten Liebe dreht.

Was von diesem »Tatort« in Erinnerung bleibt, sind deshalb nicht die ausladenden Fahrten durch die Beziehungs- und Möbellandschaften. Es sind die fünf Sekunden, in denen man den Hühnchen- und den Entensarg sieht.

Bewertung: 6 von 10 Punkten

»Tatort: Ex-It«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

Darsteller Klare, Müller: »Die Katze auf dem heißen Blechdach« in neureicher schwäbischer Influencerinnen-Kulisse

Foto: Benoît Linder / SWR