Hermann Peter Piwitt ist tot

2020 gab Hermann Peter Piwitt der norddeutschen Regionalausgabe der »taz« ein Interview . Darin wurde der Schriftsteller gefragt, was ihn zum Schreiben gebracht habe: »Ich kann nichts anderes!«, antwortete Piwitt, aber er sagte auch: »Und ist es nicht die Literatur, die das Unerträgliche erträglich erscheinen lässt?«.

Hermann Peter Piwitt zählte zur zweiten Generation deutscher Nachkriegsschriftsteller. Er besuchte im Literarischen Colloqium Berlin von 1963 an die »Schreibwerkstatt Prosaschreiben« – an der Seite von Hubert Fichte, Nicolas Born oder Hans Christoph Buch, angeleitet von, unter anderen, Peter Weiss, Günter Grass und Peter Rühmkorf. Für Piwitts erstes Buch, den Erzählband »Herdenreiche Landschaften« von 1965, zeichnete Grass den Schutzumschlag.

Piwitt, 1935 im heutigen Hamburger Stadtteil Wohldorf geboren, hatte bereits an den Universitäten Frankfurt, München und West-Berlin Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft studiert, unter anderem bei Theodor W. Adorno. Seiner alten Mutter wegen kam er 1967 zurück nach Hamburg – auch wenn das Verhältnis zu seiner Heimatstadt zeitlebens distanziert blieb.

Der literarische Debütant nahm kein Blatt vor den Mund; im SPIEGEL erkannte Piwitt, dass die Gruppe 47, zentrale Instanz der westdeutschen Literaturszene, in ihrem 20. Jahr »mittlerweile zu einem Monstrum ausgewuchert und versteinert« sei. Nach dem Essayband »Das Bein des Bergmanns Wu. Praktische Literatur und literarische Praxis« (1971) legte Piwitt mit »Rothschilds« 1972 seinen ersten Roman vor. 1979 erfuhr sein zweiter Roman »Die Gärten im März« von der Kritik sehr positive Beachtung.

Doch der ganz große Erfolg blieb Hermann Peter Piwitt versagt. Er trat zwar nie einer Partei bei, blieb aber seinen kapitalismuskritischen Positionen treu. »Als Schriftsteller, die sich politisch entschieden hatten, mussten wir ständig damit rechnen, dass wir in Widersprüche gerieten«, sagte er der »taz«: »Zum einen, weil wir die Oberen nicht anerkannten. Und es gab diesen ständigen Zwiespalt: nicht überzeugt zu sein von der herrschenden Politik, und dabei auf dem Uneindeutigen zu beharren – und im eigenen Leben nicht zwiespältig zu werden.«

Literarisch verlegte sich Piwitt vermehrt auf kürzere Formen. Ein schmaler Roman wie »Der Granatapfel« von 1986 entfalte »auf engstem Raum und in syntaktischer Verknappung eine äußerste Wahrnehmungsopulenz«, schrieb sein Schriftstellerkollege Jürgen Roth zu Piwitts 90. Geburtstag. In den vergangenen Jahrzehnten veröffentlichte der Göttinger Wallstein-Verlag alte wie neue Werke von Piwitt, darunter die autobiografisch getönten Titel »Heimat, schöne Fremde. Geschichten und Skizzen« (2010) und »Lebenszeichen mit 14 Nothelfern. Geschichten aus einem kurzen Leben« (2014).

Der Essayist Piwitt schrieb »für alle großen deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen und Magazine«, so heißt es auf seiner Website. Im SPIEGEL erschienen zwischen 1967 und 1989 mehrere Texte von ihm, über Bücher und Filme, Rolf Dieter Brinkmann, Jean Améry oder Francis Ford Coppola. Zuletzt schrieb er, »des guten Umgangs wegen«, nur noch für die linken Medien »Konkret« und »Freitag«.

»Altwerden ist wirklich das Dümmste, was einem passieren kann. Fast so dumm, wie überhaupt geboren zu werden«, schrieb Hermann Peter Piwitt 2014. Im »taz«-Interview erzählte er, eine Wahrsagerin habe am Babybett seiner Mutter gesagt, er würde 90 Jahre alt. »Und nun versuche ich mit Gewalt, 90 zu werden.« Das ist ihm gelungen. Am 15. Januar, knapp zwei Wochen vor seinem 91. Geburtstag, ist Hermann Peter Piwitt in Hamburg gestorben.

Romandebütant Piwitt (1972): »Äußerste Wahrnehmungsopulenz«

Foto: Brigitte Friedrich / SZ Photo / picture alliance