Wie die Stones in ihrer Disco-Phase
Album der Woche:
Nicht nur England, der ganze Planet geht den Bach herunter, aber what’s new? Seit 2007, also bald 20 Jahre, arbeitet sich Jason Williamson, Sänger (oder besser: Rohrspatz) der Sleaford Mods in seinem agitierten East-Midlands-Dialekt an allem ab, was in Alltag und Politik nervt, ungerecht, böse oder schlichtweg dumm ist. Für ihre rohe Kompromisslosigkeit, den beständigen Rant auf zumeist sparsam anpeitschenden Beats von Williamsons musikalischem Partner Andrew Fearn, werden die Sleaford Mods gefeiert und von einem über die Jahre immer größer gewordenen Publikum innig geliebt.
Auf dem 13. Studioalbum des Duos aus Nottingham lässt die bisher weitgehend stringente Ärger-Energie nun jedoch spürbar nach. Fair enough: Man kann sich nicht dauerhaft so aufregen, auch wenn die Weltlage tagtäglich neue Anlässe bietet; man will ja nicht, dass Williamson, immerhin auch schon 55, einen Herzkasper kriegt.
Auf »The Demise of Planet X« wird also eine gewisse Verweichlichung des Ur-Sounds vorangetrieben, die bereits auf dem letzten Sleaford-Mods-Album in fast schon balladenhaften Tracks wie »Smash Each Other Up« begonnen wurde. »UK Grim«, 2023 veröffentlicht, ist nicht nur ihr bisher erfolgreichstes in den britischen Charts, vermutlich bleibt es auf längere Sicht auch ihr bestes, perfekt zwischen Wut und Milde ausbalanciertes Album.
Williamson scheint durchaus bewusst zu sein, dass sein Geschimpfe eine Pause braucht. Das erste Stück des neuen Albums setzt den Ton für das, was folgt: In »The Good Life« geht es im Prinzip darum, dass der Sänger schlicht nicht anders kann, als andere Bands und alles, was sonst noch so draußen rumläuft, niederzumeckern. Aber in Wahrheit ist ihm klar, dass er ohne all den Brass ein friedlicheres, beschauliches Leben haben könnte. Die aus »Game of Thrones« bekannte Schauspielerin Gwendolyne Christie eröffnet den Track mit irrem Gelächter und fungiert als Stimme des Irrsinns in den Strophen, den überraschend melodischen, sanften Refrain bestreiten Big Special, was nicht ganz ohne Ironie ist, denn das Newcomer-Duo aus den West Midlands gilt als eine Art Goth-Variante der Sleaford Mods. Man könnte diese Kollaboration also eine rückkoppelnde Inspiration nennen.
Auch andere Tracks verfügen über diese neue Popsensibilität und einen Groove, den Fearn aus alten Stax-, Motown- und Ska-Platten deriviert hat. Die Specials seien diesmal ein großer Einfluss für die Musik gewesen, sagt Williamson. Wenn man die Sleaford Mods mit ihrem Lamento über die Verhältnisse als urbanen Blues-Act begreift, dann sind die beiden so etwas wie der Mick Jagger und der Keith Richards dieser modernen Spielart. Bleibt man bei der Rolling-Stones-Allegorie, treten die Sleaford Mods jetzt also quasi in ihre Disco-Phase zwischen »Some Girls« (1978) und »Emotional Rescue« (1980) ein. Es gab, damals wie heute, Schlimmeres, aber eben auch Besseres.
Einiges auf »The Demise of Planet X« rattert im gewohnten Stakkato-Flow an einem vorbei, anderes, darunter die selbstkritische New-Wave-Ballade »Elitest G.O.A.T.« wird dank lieblicher Refraingesänge von Indie-Songwriterin Aldous Harding zum Popsong. Schön ist auch »No Touch«, ein sozialkritisches Kitchen-Sink-Drama über Drogen und Einsamkeit mit Unterstützung von Sängerin Sue Tompkins. »Bad Santa« und »Flood The Zone« arbeiten sich mit angemessener Säure an toxischer Männlichkeit und Maga-Faschisten ab, »Megaton« zollt der komplexen Diskurslage bei Themen wie Gaza und Israel Tribut und hält die Band auf Äquidistanz zu jeglicher Vereinnahmung: »No War No Death« bleibt die schon früher in sozialen Medien benutzte Polithaltung der Sleaford Mods.
Am Ende, im fatalistisch dahingluckernden »The Unwrap«, macht sich fast so etwas wie Resignation breit, wenn Williamson eingesteht, nun aus purer Hilflosigkeit dem Konsumismus verfallen zu sein: »Yeah, I just buy stuff now«, sprechsingt der aus Armut und Arbeiterklasse entkommene Musiker zynisch: Er kaufe sich teure Dinge und sitze dann auf dem Sofa, um sie genüsslich auszupacken. Was soll man sonst machen? Man könne zwar der Straße entfliehen und etwas aus sich machen, aber »no fucker likes ya and no one cares«. Wirklich? Es ist sicher nur eine Phase, Hase. (7.5/10)
Kurz Abgehört:
Sassy 009 – »Dreamer+«
Vom »Pretty Baby«, ihrer Debütsingle von 2017, und dem Bubblegumpop der ersten beiden Alben von Sassy 009 könnte der schwarze Schwan, der sich aus den düsteren und eisigen Sound- und Traumwelten von »Dreamer+« erhebt, nicht weiter entfernt sein. Vier Jahre ließ sich die aus Oslo stammende Elektropop- und EDM-Musikerin, Sängerin und Produzentin Sunniva Lindgård für das Album Zeit, ihre Neuerfindung als eine der zurzeit interessantesten Künstlerinnen des Genres. Konzeptionell funktioniert es in etwa so wie »Eusexua« von FKA twigs, nur dass Sassy 009 nicht in sexuelle Ekstase gerät, sondern in eine eher albtraumhafte Sinnlichkeit. Das erinnert manchmal an eine nicht ganz so mystisch-waldschratige, aber nicht minder gespenstische Version von Fever Ray (»In The Snow«), findet dann in tiefgefrorenen Balladen wie »Dreamer«, »Tell Me« (mit Blood Orange) oder »My Candle« zu einem originellen Darkwave-Industrial Entwurf. (7.2/10)
The Morning Stars – »A Hymn Without a Sound«
Wer solche Freunde hat, ist gut aufgehoben im Leben. The Morning Stars, eine Art deutsche Indierock-Allstargruppe, entstand einst als Geburtstagsgag für einen gemeinsamen Kumpel. Mit dem Debütalbum dürfen jetzt zum Glück alle an der Wärme und Akribie dieses formidablen Geschenks teilhaben. Die Band aus Sängerin und Musikerin Barbara Morgenstern, Alex Paulick (Kreidler), Sebastian Vogel (Kante, Britta) und Felix Müller-Wrobel (Kante, Sport) sinniert im eröffnenden Dreampop-Postrock von »One of The Doors«, zu welcher Berühmtheit man es vielleicht auch hätte bringen können, wenn man im Leben andere Entscheidungen getroffen hätte. Aber dann gäbe es vielleicht alles andere als soundlose Hymnen wie »Can’t Stand Up« nicht, die an die besseren Zeiten von Arcade Fire erinnern, oder »Trap« mit seinem umwerfenden, aus funky Gitarrenlicks, Bassläufen und Synthie-Gimmicks generierten Road-Movie-Thrillergroove. Ad astra! (7.5/10)
Daniel Blumberg – »The Testament of Ann Lee (Original Soundtrack)«
»A whole lotta shakin' goin' on« ist, pardon, ein blöder Witz, der einem zu diesem Album spontan einfällt, aber auch genauso schnell wieder vergessen werden sollte. Erst mit seinem letzten Soundtrack – zum Architektenhorror »The Brutalist« von Brady Corbet –, gewann der britische Indiemusiker Daniel Blumberg (ehemals Yuck) einen Oscar. Jetzt dürfte er, für seine Musik zum neuen Film von Corbets Ehefrau Mona Fastvold, erneut nominiert werden. Blumberg schrieb Originalmusik und interpretierte uralte religiöse Hymnen für »The Testament of Ann Lee«, ein höchst ungewöhnliches, weil sehr abgründiges, bisweilen arg anstrengendes Kinomusical über die Gründerin der Shaker-Sekte und ihren entbehrungsreichen Auszug vom britischen Manchester in die Neue Welt Amerikas.
Die inzwischen so gut wie ausgestorbenen Shaker zeichneten sich durch Fortpflanzungs- und Sexfeindlichkeit aus – und durch ihre polyfonen Schüttelekstasen. Es wird also auch auf Blumbergs Soundtrack voll Gothic-Americana und sinistrer Folkmusik viel und hysterisch herumgeschrien, aber auch sehr schön harmonisch im Chor gesungen. Im Gegensatz zum Film ist Blumbergs Score eine ganz und gar entzückende Angelegenheit. Höhepunkt ist die für den Abspann geschriebene Ballade »Clothed by the Sun«, die Blumberg gemeinsam mit Hauptdarstellerin Amanda Seyfried performt, auf der Leinwand und auch als Sängerin eine sinnliche Urgewalt. (8.0/10)