Olympia hält den Atem an: Lindsey Vonn und die Grenzen des Machbaren

Lindsey Vonn wollte Geschichte schreiben. Wieder einmal. Das dramatischste Comeback ihrer Karriere versprach sie, ein olympisches Märchen trotz Kreuzbandriss. Doch ein Happy End ist Vonn in Cortina verwehrt geblieben, denn der Sport schreibt zuweilen eben auch Tragödien.

Dabei kannte der Hype um Vonns Rückkehr fast keine Grenzen. Denn die US-Amerikanerin ist längst mehr als eine Skirennläuferin. Sie ist eine Marke, ein globales Narrativ von Willenskraft, Schmerzresistenz und amerikanischem Durchhaltepathos. Und wie so oft, wenn Sportler zu Ikonen werden, verschwimmt die Grenze zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Der „MindHacks“-Newsletter

Überreiztes Gehirn? Same. Deshalb haben wir „MindHacks“ entwickelt: ein 7-Wochen-Mail-Kurs gegen Scroll-Sucht, Entscheidungslähmung und mentalen Overload. 

Ich bin damit einverstanden, dass mir per E-Mail interessante Angebote des Tagesspiegels unterbreitet werden. Meine Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.

Man kann Vonn nicht vorwerfen, dass sie es bei Olympia auf einer ihrer Lieblingsstrecken noch einmal versucht hat. Sie lebt von dieser inneren Glut, die sie seit zwei Jahrzehnten antreibt und sie zu unzähligen Siegen getragen hat. Aber man darf fragen, wer all den Wahnsinn um ihre Person eigentlich füttert. Die Erwartungshaltung? Die Sehnsucht nach dem „perfekten Comeback“? Hollywood soll schon bereitgestanden haben.

Jörg Leopold hätte Lindsey Vonn einen schöneren Abschied von Olympia gewünscht und drückt die Daumen für eine schnelle Genesung.

Gleichzeitig zeigt der Mythos Lindsey Vonn auch, wie stark sich Sportlerinnen und Sportler heute selbst inszenieren und ihren Mythos aktiv mitgestalten. In sozialen Medien und im direkten Austausch mit Millionen Fans, entsteht eine Dynamik, die weit über klassische Berichterstattung hinausreicht. Der öffentliche Druck kommt nicht nur von außen – er wächst auch aus dem eigenen Anspruch, die eigene Heldenerzählung fortzuschreiben.

Milano Cortina 2026 Olympics - Alpine Skiing - Women's Downhill - Tofane Alpine Skiing Centre, Belluno, Italy - February 08, 2026.
An image of Lindsey Vonn of United States crashing on the big screen during the women's downhill REUTERS/Annegret Hilse
Vonns Sturz wird auf der Videoleinwand im Zielraum gezeigt und sorgt für kollektives Entsetzen.

© Reuters/Annegret Hilse

Dass die 41‑Jährige trotz frischem Kreuzbandriss starten durfte, zeigt nur, dass solche Heldengeschichten im Hochleistungssport manchmal höher gewichtet werden als medizinische Vernunft. Die Bilder ihres Sturzes, die Schreie, die Fassungslosigkeit im Zielraum – sie sind das bittere Ende einer Dramaturgie, die man kommen sehen konnte und doch nicht aufhalten wollte.

Man kann Lindsey Vonn nur wünschen, dass sie jetzt nicht als gescheiterte Heldin gesehen wird, sondern als das, was sie wirklich ist: eine der größten Skifahrerinnen der Geschichte, eine Kämpferin, die womöglich einmal zu oft zurückgekommen ist als ein menschlicher Körper verkraften kann. Und für die der Preis bei den Olympischen Spielen diesmal ganz offensichtlich zu hoch war.