Die mit dem Wolf tanzen will

Sag mir, wie du schläfst, und ich sag dir, wer du bist. Kommissarin Bonard (Corinna Harfouch) bettet sich für die Nacht ins nasse Laub eines Waldes bei Berlin, in dem ein Wolf umgehen soll. Kollege Karow (Mark Waschke) schließt sich mit einem One-Night-Stand in einen Hightech-Bunker ein, der unter einer dieser Straßenzüge sprengenden Neubauimmobilien in Berlin-Mitte betoniert wurde.

Sie will raus und sucht die kühle Entgrenzung. Er will Schutz und sucht einen warmen Menschenkörper.

Die Ironie in diesem witterungsintensiven, kreatürlichen und über Strecken sehr grimmigen Krimi: Während Harfouch draußen im Wald vergeblich den Wolf sucht, trifft Karow ungewollt ein Exemplar im hochoptimierten Berliner Hipster-Safe-Space.

Vorher wurde auf einer Industriebrache am Stadtrand die Leiche eines Obdachlosen gefunden, die Bissspuren aufweist. Sie könnten von einem Wolf stammen. Bei ihren Untersuchungen treffen Bonard und Karow in einem nahegelegenen Waldstück auf eine Survival-Expertin (Anne Ratte-Polle), die mit einer Flitzpiepe aus der Großstadt (Nils Kahnwald) auf Trekkingtour durchs Gehölz ist. Getrunken wird Wasser aus Pfützen, das Handy ist aus.

Wer will schon an den Schreibtisch zurück?

Der Städter mit Abhärtungsfantasien sagt: »Ich folge dem Ruf. Hier im Wald stirbt etwas an mir, und ich komme mit etwas Neuem zurück. Ich häute mich.« Als der Mann hört, dass ein Wolf einen Menschen getötet haben könnte, beschleicht ihn doch die Angst, dass er nicht nur metaphorisch, sondern wortwörtlich sterben könnte. Er lässt sich von Karow in die Stadt mit zurücknehmen – und zeigt ihm später sein mit Konserven und Nahrungsmittelergänzungspräparaten vollgestellten Minibunker in Berlin-Mitte, wo die beiden Männer Sex auf unbequemem Mobiliar haben.

Kommissarin Bonard schließt sich der Waldfrau an, die ihr zeigt, wie man in der Natur überlebt. Bonard will mit dem Wolf tanzen. Wenn man sie da stoßseufzend mit Axt und selbst geschnitztem Speer zwischen den Bäumen sieht, ahnt man schon, dass es sie nicht an den Schreibtisch zurückzieht.

Als Meret Becker 2022 beim Berliner »Tatort« ausstieg, gab es noch ein krasses Finale samt melodramatisch ausgereizter Sterbeszene auf dem Flughafen. Hier, bei der insgesamt sechsten Folge mit Harfouch in der Rolle der Susanne Bonard, baut sich der Abschied als Möglichkeit langsam auf und erscheint am Ende ganz natürlich.

Für Drehbuch und Regie des Stadt-Land-Schluss-Krimis zeichnet Mira Thiel verantwortlich. Sie hat auch schon die Berliner »Tatort«-Folge »Am Tag der wandernden Seelen«  gedreht über die vietnamesische Community in der Hauptstadt. Wie damals arbeitet die Filmemacherin auch in dieser Folge mit zum Teil assoziativ verknüpften Sequenzen. Manchmal läuft diese Strategie ins Leere, öfter aber geht sie auf – besonders in den Gegenüberstellungen von Karows und Bonards Selbsterkundungen.

Während Karow nach dem Sex im Bunker von seinem Gastgeber in einem aseptischen Trinkgefäß Elektrolyte zugeführt bekommt, erlegt Bonard mit dem selbst geschnitzten Speer in einem Tümpel einen Fisch. Raten Sie mal, wer glücklicher aussieht.

Bewertung: 7 von 10 Punkten

»Tatort: Gefahrengebiet«, Sonntag, 20.15, Das Erste

»Tatort«-Szene: Stadt, Land, Schluss!

Foto: Conny Klein / rbb