„Kein Freifahrtschein für Blaumacher“: Kassenärzte-Chef plädiert für Abschaffung der Krankschreibung in den ersten drei Tagen
Die Debatte über den Krankenstand in Deutschland wird weiter intensiv geführt. Ärztliche Krankschreibungen in den ersten drei Tagen hält der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, für Unsinn. „Wir plädieren dafür, diese Regelung ganz abzuschaffen – telefonisch, vor Ort oder digital“, sagte Gassen der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin.
„Also niemand, der krank ist, muss sich dies in den ersten drei Tagen von einem Arzt bestätigen lassen“, so Gassen weiter. Derzeit gebe es noch 27 Millionen solcher Fälle.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte eine Debatte über die hohe Zahl an Krankentagen der deutschen Arbeitnehmer angestoßen und eine Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ins Spiel gebracht. Je nach Krankenkasse variiert die Zahl der durchschnittlichen Krankschreibungen von 19 bis teils 22 Tagen und mehr pro Jahr. Aus Sicht der Kassen liegt dies aber vorrangig an Langzeitkrankmeldungen. Am Freitag hatte SPD-Fraktionschef Matthias Miersch dem CDU-Chef deutlich widersprochen.
Kein ärztliches Attest in den ersten drei Tagen wäre kein Freifahrtschein für Blaumacher.
Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
Merz hatte unlängst bei einem Wahlkampfauftritt in Baden-Württemberg beklagt, dass die Beschäftigten in Deutschland im Schnitt auf 14,5 Krankentage im Jahr kämen. „Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“
Gassen will auch bei Kinderkrankentagen Attest abschaffen
Dass Hausärzte und Kinderärzte an der telefonischen Krankschreibung festhalten wollen, hält Gassen in der aktuellen Situation für nachvollziehbar. „Bei den sogenannten Kinderkrankentagen ist es oft völlig absurd“, sagte der Kassenärzte-Chef. Das Kind werde krank zu Hause betreut, müsse gar nicht zum Arzt und die Eltern benötigten ein ärztliches Attest für den Arbeitgeber. „Auch hier sollte das ärztliche Attest in den ersten drei Tagen überall abgeschafft werden“, forderte Gassen.
Wer sich ein ärztliches Attest erschleichen wolle, schaffe das bereits jetzt, auch in der Arztpraxis. „Kein ärztliches Attest in den ersten drei Tagen wäre kein Freifahrtschein für Blaumacher“, betonte Gassen. Die Arbeitgeber könnten es entweder auf Vertrauensbasis handhaben. Aber auch ein Bonus für diejenigen, die sich nicht krankmeldeten, sei denkbar.
Andere Arbeitgeber führten womöglich einen unbezahlten Karenztag ein. „Da kann ein Arbeitnehmer einen Tag nicht zur Arbeit erscheinen ohne Gründe. Das gibt es in vielen Ländern.“
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein warnte am Donnerstag vor einer „Phantom-Diskussion“. Die Probleme des vergleichsweise hohen Krankenstandes in Deutschland seien nicht durch die relativ geringe Zahl telefonischer Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigungen bedingt, erklärte der KV-Vorsitzende Frank Bergmann in Düsseldorf.
Daten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung aus dem Herbst vergangenen Jahres zufolge machten telefonische Krankschreibungen lediglich 0,9 Prozent aller Fälle bundesweit aus.
Die telefonische Krankschreibung sei für die Praxen im Land „ein funktionierendes Instrument für persönlich bekannte Patientinnen und Patienten sowie chronisch Erkrankte“, betonte Bergmann. Zudem seien die Regeln, ob und wann eine Krankschreibung telefonisch erfolgen kann, nach der Corona-Pandemie zu Recht verschärft worden. Eine Arbeitsunfähigkeit per Telefonanruf sei „nur zulässig, wenn die Praxis die Patientin oder den Patienten kennt und selbst keine Videosprechstunde anbietet“. (lem)