Berlin, trau dich!: Olympia kann ein Motor für echte Veränderungen sein – wenn man es richtig angeht

Gerade durften wir in Italien erleben, was Olympische Spiele auslösen können. Das hat man im Biathlon besonders deutlich gesehen: Die Männerstaffel war bis zum letzten Schießen offen.

Frankreich, Norwegen und Schweden lagen dicht beieinander, jeder Treffer, jede Strafrunde veränderte die Reihenfolge. Auf der Schlussrunde fiel die Entscheidung im direkten Duell – am Ende setzte sich Frankreich mit nur wenigen Sekunden Vorsprung durch.

In solchen Momenten wird Sport zu einem gemeinsamen Erlebnis. Menschen aus unterschiedlichen Ländern verfolgen dasselbe Rennen, diskutieren, analysieren, freuen sich, fiebern und leiden mit. Athletinnen und Athleten verschieben Grenzen und wachsen über sich hinaus. Es entstehen Bilder und Emotionen, die Generationen bewegen – und ein Gefühl von Zusammenhalt schaffen, das gerade in einer Zeit, in der wir oft das Trennende betonen, spürbar guttut.

Verena Pausder ist Vorstandsvorsitzende des deutschen Startup Verbands, Unternehmerin, Investorin und Co-Gründerin des FC Viktoria Berlin. Sie ist Teil des Kuratoriums der Berliner Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Spiele.

Genau deshalb ist die Bewerbung Berlins für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 ein bedeutendes Vorhaben und ein starkes Signal für Aufbruch und Gemeinschaft. Sie steht für den Anspruch, wieder größer zu denken. Dafür zu sein statt dagegen. Sich mehr zuzutrauen und sich von Möglichkeiten und Chancen leiten zu lassen – statt von Skepsis und Gegenargumenten.

Nachhaltige Investitionen statt isolierte Prestigeprojekte

Denn was wäre, wenn es gelingt, die Spiele nicht als kurzfristiges Ereignis zu begreifen, sondern als langfristiges Stadtentwicklungsprojekt? Das geplante Olympische und Paralympische Dorf am Stadteingang West zwischen Westkreuz und Grunewald soll ein dauerhaftes neues Quartier werden: mit rund 2500 Wohnungen, sozialer Infrastruktur, Grünflächen sowie Sport- und Begegnungsräumen. Die Athletinnen und Athleten wären die ersten Bewohnerinnen und Bewohner, danach würde das Quartier an die Berlinerinnen und Berliner übergeben.

Auch die zahlreichen Sportstätten der Stadt könnten genutzt, modernisiert und zukunftsfähig gemacht werden. Es geht nicht um isolierte Prestigeprojekte, sondern um nachhaltige Investitionen in bestehende Strukturen.

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Und wichtig ist: Diese Bewerbung ist kein Versprechen, das erst in zehn oder fünfzehn Jahren Wirkung entfaltet. Schon der Bewerbungsprozess setzt Dinge in Gang. Bereits heute werden Planungen konkret, Kooperationen aufgebaut, Fördermöglichkeiten erschlossen und Projekte angestoßen, die ohne diesen Schritt gar nicht oder deutlich später angegangen würden. Die Bewerbung ist damit nicht nur ein Blick in die Zukunft, sondern auch ein Motor für Veränderungen im Hier und Jetzt.

Sport und Bewegung im Alltag verankern

Mit „BERLIN+“ ist die Bewerbung zudem national gedacht. Partnerregionen wie Brandenburg, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen werden einbezogen. Die Spiele wären damit nicht nur ein Hauptstadtprojekt, sondern ein gemeinsames Vorhaben.

Gleichzeitig bringt Berlin genau das mit, was diese Spiele in Zukunft brauchen: Offenheit, Vielfalt, Geschichte und Wandel – und eine Kulisse für Spiele mitten in der Stadt, nah an den Menschen.

Gerade in einer wachsenden Stadt mit angespanntem Wohnungsmarkt und großen sozialen Herausforderungen kann man nicht einfach sagen: Das machen wir jetzt mal eben.

Verena Pausder

Vor allem aber: nah an jungen Menschen. Was mich besonders überzeugt, ist der klare Schwerpunkt auf Kinder und Jugendliche. Genau deshalb waren bei der offiziellen Ankündigung 150 Kinder dabei. Nicht die Politik sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Generation, für die diese Spiele langfristig Wirkung entfalten können. Es geht darum, Sport und Bewegung im Alltag, in Schulen, Vereinen und Stadtteilen stärker zu verankern. Wenn wir heute investieren, dann in Strukturen, von denen junge Menschen dauerhaft profitieren.

Viktoria Berlin

Der FC Viktoria Berlin stieg im vergangenen Sommer aus der Regionalliga in die zweite Liga auf. Verena Pausder ist Co-Gründerin des Vereins. Der Gastbeitrag erscheint im Rahmen einer Medienkooperation mit dem Tagesspiegel.

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© FC Viktoria Berlin

Natürlich gibt es kritische Fragen: zu Kosten, Nachhaltigkeit und Prioritäten. Und das ist richtig so. Gerade in einer wachsenden Stadt mit angespanntem Wohnungsmarkt und großen sozialen Herausforderungen kann man nicht einfach sagen: Das machen wir jetzt mal eben. Große Projekte benötigen Substanz und die Akzeptanz der Menschen.

Deshalb darf es nicht um einen Hype gehen, sondern um saubere Planung, Transparenz bei den Kosten und realistische Zeitpläne. Und vor allem um die Einbindung der Berlinerinnen und Berliner von Anfang an.

Die Spiele bedeuten nicht nur Ausgaben

Gerade beim Thema Kosten lohnt sich aber auch ein zweiter Blick. Die Spiele bedeuten nicht nur Ausgaben, sondern auch Investitionen, die ohne eine solche Bewerbung in dieser Größenordnung kaum nach Berlin kommen würden. Vieles, was heute auf langen Wartelisten steht, könnte schneller umgesetzt oder überhaupt erst möglich werden.

Auch mit Blick auf die Nachhaltigkeit ist entscheidend, wie geplant wird: In Berlin ist nur ein Neubau vorgesehen, eine Mehrzweckhalle, die dauerhaft nutzbar sein wird. Im Übrigen geht es vor allem um die Modernisierung vorhandener Anlagen und um temporäre Sportstätten. Auf dem Tempelhofer Feld ist zudem ein Urban Sports Hub geplant, der neue Räume für Bewegung und Begegnung schaffen kann.

Lesermeinungen zum Artikel

„Die Sportler fanden Italien entsetzlich, anonym, weit ab vom Publikum, und eigentlich braucht das heute kein Mensch mehr. Was zurückbleibt sind zerstörte Landschaften, schlechte ökologische Fußabdrücke und die Hoffnung, dass in Berlin, was eher unwahrscheinlich ist, einmal die Vernunft und der Realitätssinn siegen. Für das rausgeschmissene Geld könnte sich Berlin große Kulturevents, die es dringend braucht, schon um die Stadtgesellschaft wieder zu beleben, international bedeutende Ausstellungen, Festivals und Ideen für die Stadt der Zukunft, ohne oder nur mit marginalster Beteiligung des Senats.“

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Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Wollen wir Olympia? Sondern: Wie gestalten wir diese Spiele so, dass sie zu Berlin passen – ökologisch verantwortungsvoll, finanziell tragfähig und mit echtem Mehrwert für die Stadt?

Wenn wir das hinbekommen, entsteht ein Bild, das mich nicht mehr loslässt: Olympische und Paralympische Spiele in Berlin. Was für ein Feuer würde das entzünden. Was für ein Jahrhundertereignis für diese Stadt und dieses Land wäre das.

Und was für eine Chance, dass Berlin nicht nur Hauptstadt ist, sondern sich auch so anfühlt: selbstbewusst, international und leistungsbereit. Ich bin überzeugt: Berlin kann das!