„Berlin ist der Wunsch“: Tour de France mit klarer Präferenz für einen deutschen Startort 2029

Wenn Andreas Prokop über den Stand der deutschen Tour‑de‑France-Bewerbung spricht, geht er in die kontrollierte Offensive. „Wir sind in sehr guten Gesprächen“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Grand Départ 2030 über das Treffen mit dem Tour-Veranstalter ASO, das vor zwei Wochen in Paris stattfand. 

Der Termin sei „sehr gut“ verlaufen, nicht zuletzt, weil dort erstmals konkret diskutiert wurde, ob eine Bewerbung aus Deutschland grundsätzlich erfolgversprechend ist. Seine Einschätzungen lassen erkennen, dass die Pläne für einen Tour‑Start inzwischen mehr sind als das reine Wunschdenken von ein paar Radsportenthusiasten.

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Das gilt auch für einen Start in Berlin. Prokop bestätigt, was Tour‑Direktor Christian Prudhomme bereits öffentlich angedeutet hat: Die ASO möchte die Hauptstadt in der Bewerbung sehen. „Uns wurde der Wunsch übermittelt, dass Berlin dabei ist“, sagt Prokop. 

Für die Franzosen ist die Symbolik ein ganz wesentlicher Faktor, wenn es um ihr Nationalheiligtum Tour de France geht. Im Jahr 2029 jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 40. Mal – ein Datum, das Prudhomme als besonders spannenden Rahmen für den Start der Frankreich-Rundfahrt sieht. Zugleich wäre es eine Rückkehr: Bereits 1987 startete die Tour einmal in Berlin, im Westen der damals noch geteilten Stadt.

Prokop hat aus den Gesprächen in Paris mitgenommen, dass den Franzosen 2029 besser gefallen würde als 2030. Zwar gebe es für dieses Jahr starke Konkurrenz, vor allem aus Prag und Slowenien, doch der Wunsch der ASO sei deutlich zu vernehmen gewesen.

Ursprünglich war die Idee, die Tour 2030 in Ostdeutschland starten zu lassen.

© dpa/Jan Woitas

Damit würde sich die ursprüngliche Idee der deutschen Bewerbung verändern. Denn der Verein Grand Départ 2030 war eigentlich mit dem Ziel gestartet, im Jahr 2030 einen rein ostdeutschen Tour-Start auszurichten. Berlin war dabei zunächst keine Option. Heute ist klar: Ohne die Hauptstadt wird es wohl nicht gehen. 

Die bisher geplanten Streckenideen müssten noch einmal überarbeitet werden, sobald Berlin als Prolog-Ort gesetzt ist. Prokop ist es aber wichtig zu betonen, dass die historischen Elemente der Friedensfahrt – der legendären Radrundfahrt durch die DDR, Polen und die damalige Tschechoslowakei – weiterhin Berücksichtigung finden sollen. Ob in der finalen Streckenführung dann die Steile Wand von Meerane wirklich Bestandteil des Rennens sein wird, liegt jedoch allein bei der ASO und deren Streckenteam.

Tour-Starts in Deutschland

  • 1965: Köln
  • 1980: Frankfurt am Main
  • 1987: Berlin (West)
  • 2017: Düsseldorf

Während die Signale aus Paris positiv sind, wirkt die Lage in Berlin komplizierter. Das zeigt ein Blick in die Sitzung des Sportausschusses des Abgeordnetenhauses vom 13. Februar 2026. Sportstaatssekretärin Franziska Becker stellte dort klar, dass es sich zum jetzigen Zeitpunkt um „keine Bewerbung“ handele. Ende Dezember 2025 habe der Verein Grand Départ 2030 um Unterstützung gebeten, Berlin habe daraufhin ein grundsätzliches Interesse erklärt, allerdings ausdrücklich ohne organisatorische, finanzielle oder rechtliche Zusagen. 

Becker erklärte in der Sitzung ferner, dass das Land zunächst umfassende Informationen benötige: zu Kosten und Vertragsstrukturen, zu Sicherheits- und Verkehrsfragen, zu einem Nachwuchs- und Rahmenkonzept des Berliner Radsportverbandes. Erst nach einer vertieften Prüfung könne der Senat entscheiden, ob Berlin sich tatsächlich an einer gemeinsamen offiziellen Bewerbung beteiligt. Diese Prüfungen würden eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen.

Auch die Bundesregierung signalisiert Unterstützung

Prokop ordnet diese Vorsicht entsprechend zurückhaltend ein. „Eine klare Zusage gibt es nicht“, sagt er, und verweist darauf, dass die Prüfung erwartbar und notwendig sei. Der Austausch laufe auf Arbeitsebene, federführend durch die Sportsenatorin. Dennoch erkennt Prokop bei den beteiligten Bundesländern den klaren Willen, an der Bewerbung weiterzuarbeiten.

Auch der Bund ist bereits eingebunden. Kanzler Friedrich Merz hatte dem Verein in einem Schreiben vom 31. Oktober 2025 ausdrücklich seine Unterstützung zugesichert und gewürdigt, dass die Bewerbung Ostdeutschland in den Mittelpunkt stellt und die drei Länder Sachsen, Sachsen‑Anhalt und Thüringen gemeinsam auftreten.

Auf deutscher Seite müssen die beteiligten Bundesländer nun zunächst ihre Prüfungen abschließen und Entscheidungen über den möglichen Einstieg treffen. Parallel dazu bewertet die ASO, wie überzeugend die deutsche Bewerbung in ihrer Gesamtheit wirkt, also nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch in Bezug auf den historischen und kulturellen Kontext und die politischen Garantien. Spätestens im Sommer 2027, so Prokop, werde die ASO mitteilen, wer den Grand Départ 2029 ausrichtet.

Trotz der offenen Punkte zeigt sich Prokop optimistisch. Die Gespräche in Paris seien „in einem guten Geist“ geführt worden, und man spüre auf beiden Seiten, dass ein Tour‑Start in Deutschland sehr attraktiv sei. Auf die Frage, welches Signal aus Paris am stärksten gewesen sei, muss Prokop nicht lange überlegen: „Berlin ist der Wunsch.“