Berlin-Monitor zu Queerfeindlichkeit: Jeder Fünfte findet es „ekelhaft“, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen
20 Prozent der Berliner:innen finden es „ekelhaft“, wenn sich Lesben und Schwule in der Öffentlichkeit küssen. Und 19 Prozent meinen, dass Transgeschlechtlichkeit eine Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung ist. Zu diesen Ergebnissen kommt der Berlin-Monitor 2025 im Auftrag des Senats.
Alle zwei Jahre befragen Wissenschaftler:innen für die repräsentative Studie rund 2000 Berliner:innen nach ihren politischen und gesellschaftlichen Einstellungen. Gegenüber 2023 hätten homosexuellen- und transfeindliche Überzeugungen in der Hauptstadt abgenommen; im Vergleich zu 2021 würden sie allerdings höher ausfallen, schreiben die Autor*innen der Universität Leipzig und der Hochschule Magdeburg-Stendal in der Studie, die am Montag vorgestellt wurde.

Die Queerspiegel-Redaktion informiert Euch über die wichtigsten LGBTI-Ereignisse, Menschen, Termine aus Politik, Kultur und Sport.
„Sieben Prozent der Berliner:innen lehnen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt vollständig und überzeugt ab; weitere 29 Prozent zeigen partielle Ablehnung“, heißt es im Berlin-Monitor. „Nimmt man es zusammen, dann lehnen 36 Prozent der Berliner:innen mindestens eine Form sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ab.“ Umgekehrt hätten 64 Prozent der Berliner:innen keinerlei Probleme damit.
Berlin-Monitor
Der „Berlin-Monitor“ wird als repräsentative Langzeitstudie seit 2019 im Auftrag des Berliner Senats alle zwei Jahre erstellt. Im Zeitraum von Juni bis August 2025 befragten Wissenschaftler der Universität Leipzig und der Hochschule Magdeburg-Stendal dazu 2022 Berlinerinnen und Berliner ab 18 Jahren.
Besonders stark sei die Ablehnung von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit bei Menschen mit einer rechten Ideologie. „Von Menschen aus dem Bereich der extremen Rechten (immerhin sechs Prozent der Berliner:innen) weisen die Hälfte homosexuellenfeindliche und mit 62 Prozent deutlich über die Hälfte transfeindliche Überzeugungen auf“, schreiben die Autor:innen.
„Die Berliner:innen, die sich als politisch-ideologisch rechts einordnen (14 Prozent der Bevölkerung), liegen in den Werten nur unwesentlich unter der Gruppe der extremen Rechten.“ 47 Prozent würden Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit ablehnen. Demgegenüber ist in der Gruppe der Linken die Ablehnung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt am niedrigsten, dicht gefolgt von der Gruppe derjenigen, die sich als extrem links einstufen.
Die Ablehnung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt beruhe wesentlich auf einer wahrgenommenen Bedrohung der heteronormativen Lebensform – einer Vorstellung, die von rechtsextremen und rechtspopulistischen Akteur:innen gezielt aufgegriffen und für die Verbreitung ihrer Ansichten instrumentalisiert werde. Und: „Menschen mit autoritären Einstellungen neigen deutlich häufiger zur Ablehnung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“, schreiben die Autor:innen.
Lesermeinung zum Artikel
„Ich glaube, das ist gar nicht so neu. Nur dass das generell mit Allem inkompatible Viertel der Gesellschaft sich jetzt mit Rückenwind des umgreifenden Rechtsextremismus auch traut, das zuzugeben.
Ich persönlich finde Geknutsche in der Öffentlichkeit generell nicht so prickelnd, es macht aber absolut keinen Unterschied, wer da jetzt mit wem knutscht. Ich ziehe es aber vor, solche intimen Dinge anderer Menschen eher nicht sehen zu wollen. Sollte ich es doch sehen müssen, ist mein Toleranzkonto gut gepolstert, um das auszuhalten.“
Sie möchten darauf antworten? Hier gelangen Sie direkt zur Diskussion mit Tagesspiegel-Nutzer/in Urbi_et_Orbi
Wer an Verschwörungen glaubt, ist eher queerfeindlich
Zudem gebe es Zusammenhänge zwischen der Ablehnung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt sowie der Offenheit für Verschwörungserzählungen. Insbesondere Transfeindlichkeit stehe „in einer besonders ausgeprägten Beziehung zu einem Glauben an Verschwörungserzählungen“.
Einen starken Bezug von Homosexuellen- und Transfeindlichkeit gebe es auch bei der sozialen Dominanzorientierung, die ausdrückt, wie stark man eine bestehende Hierarchie erhalten möchte. „Im Hinblick auf die Ablehnung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt handelt es sich um eine Hierarchisierung, bei der Homosexuelle, transgeschlechtliche Menschen, Feministinnen und Frauen weit unten in der sozialen Hierarchie angesiedelt werden. Dort sollen sie nach dem Ermessen der Befragten mit sozialer Dominanzorientierung auch bleiben“, heißt es im Berlin-Monitor.
Hohe Ablehnung bei den 25- bis 34-Jährigen
Bezogen auf das Alter fällt auf, dass Ältere (ab 66 Jahren) Transgeschlechtlichkeit seltener ablehnen als Jüngere. Anders sieht es bei Homosexuellenfeindschaft aus, da sind die Werte der Ältesten deutlich höher als die der jüngsten Gruppe (18 bis 24 Jahre). Am stärksten verbreitet ist der Hass auf Lesben und Schwule sowie auf Transpersonen bei den 25- bis 34-Jährigen: Knapp 30 Prozent lehnen Homosexualität ab, mehr als 30 Prozent Transgeschlechtlichkeit. Queerfeindlichkeit sei jedoch auch „in der jüngsten Altersgruppe zu einem nicht unerheblichen Anteil verbreitet“, also unter den 18- bis 24-Jährigen.
Die abwertenden Einstellungen finden sich eher bei Männern als bei Frauen. Jedoch „ist auch die Anzahl an Frauen mit solchen Einstellungen nicht unerheblich“. Zudem heißt es: „Ein Migrationshintergrund fördert allein die Homosexuellenfeindlichkeit – und dies auch nur in begrenztem Ausmaß.“
Die Ablehnung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ist auch in Berlin ein nicht zu unterschätzendes Problem.
aus dem Berlin-Monitor
In ihrem Fazit kommen die Autor:innen der Studie zu dem Schluss, dass die Ablehnung und Abwertung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Berlin 2025 „Sache einer Minderheit, allerdings keiner unbedeutenden“ sind: „Die Ablehnung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ist auch in Berlin ein nicht zu unterschätzendes Problem.“ Und weiter: „Durch die starke Beziehung der Ablehnung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt mit politisch rechter Ideologie ergibt sich ein beachtliches Gefahrenpotenzial, welches in einer Steigerung von Straftaten gegen LGBTQI+-Personen mündet.“
Berlins Senatorin für Antidiskriminierung, Cansel Kiziltepe (SPD), zeigt sich alarmiert: „Die Ergebnisse des aktuellen Berlin-Monitors müssen uns allen ein Warnsignal sein. Und für uns heißt das ganz konkret: besonders wachsam sein, Haltung zeigen und unsere Demokratie verteidigen – im Alltag, in Debatten, in Entscheidungen.“ Berlin müsse „alles dafür tun, dass sich Menschen ohne Angst vor Beleidigungen, Beschimpfungen oder gar tätlichen Angriffen durch unsere Stadt bewegen können“.
„Die hohe Ablehnung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Berlin muss uns alle besorgen“, teilte Werner Graf, Fraktionschef und Spritzenkandidat der Grünen für die Abgeordnetenhauswahl, mit. „Transfeindlichkeit, Antifeminismus und Sexismus werden zunehmend zur Brückenideologie Richtung Rechtsextremismus. All das gefährdet zunehmend die Vielfalt und das friedliche Zusammenleben in der Stadt der Freiheit“, sagte der schwule Politiker.
Oberste Aufgabe der Politik müsse es daher sein, „der Mehrheit der soliden Demokrat*innen dieser Stadt den Rücken zu stärken sowie Diskriminierung und Ressentiments zusammen mit der Berliner Zivilgesellschaft aktiv zu bekämpfen“.