„Sie wartete nicht, bis Debatten bequem wurden“: Politik nimmt Abschied von „Möglichmacherin“ Rita Süssmuth
Deutschland hat nach Auffassung von Bundeskanzler Friedrich Merz mit der früheren Bundestagspräsidentin und Bundesministerin Rita Süssmuth (beide CDU) eine „Ausnahmepolitikerin“ verloren. „Sie hat das Gesicht der Bundesrepublik geprägt: als erste Frauenministerin, als Bildungspolitikerin, als Gesundheitspolitikerin, als Bundestagspräsidentin, als Abgeordnete der CDU“, sagte Merz bei einem Trauerstaatsakt für die gestorbene Politikerin im Bundestag.
Die CDU-Politikerin sei fachlich exzellent und in allen ihren Ämtern und Funktionen beharrlich und streitbar sowie „ziemlich oft ziemlich unbequem“ gewesen – auch für seine Partei. „In vielen Fragen – vielleicht in den meisten – hat die Geschichte ihr recht gegeben“, sagte der Kanzler und CDU-Vorsitzende. „Sie war eben ihrer Zeit in mancher Hinsicht voraus. In ihrem Beharren auf eine moderne Familienpolitik etwa. Auf eine Arbeitsmarktpolitik, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stärkt. In ihrer wegweisenden Aids-Politik.“
In vielen Fragen – vielleicht in den meisten – hat die Geschichte ihr recht gegeben.
Kanzler Friedrich Merz (CDU)
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) würdigte ihre gestorbene Vorgängerin als prägende politische Figur Deutschlands. Süssmuth habe gesellschaftliche Debatten bestimmt, sagte Klöckner. „Rita Süssmuth war eine Politikerin, die gesellschaftliche Fragen früher erkannte als andere. Sie wartete nicht, bis Debatten bequem wurden. Sie scheute keine Tabus – auch dann nicht, wenn der Gegenwind auch mal aus den eigenen Reihen kam.“
Das politische Berlin nahm mit dem von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angeordneten Staatsakt Abschied von Süssmuth, die Anfang Februar im Alter von 88 Jahren gestorben war. Sie wurde bereits in ihrer Heimatstadt Neuss in Nordrhein-Westfalen beigesetzt.
Süssmuth gehörte dem Bundestag von 1987 bis 2002 an und war von 1988 bis 1998 dessen Präsidentin. Von 1985 bis 1988 war sie unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) Bundesfamilienministerin. Die Professorin für Erziehungswissenschaften war als Seiteneinsteigerin in die Politik gekommen. Als Kohl sie 1985 als Nachfolgerin von Heiner Geißler (CDU) zur Ministerin berief, war sie weitgehend unbekannt. Sie wurde aber rasch populär. Mit ihrem modernen Familien- und Frauenbild war Süssmuth vielen in ihrer eigenen Partei weit voraus und eckte immer wieder an.
Klöckner und Prantl würdigen ihren Einsatz für Aidskranke
Klöckner erinnerte unter anderem an Süssmuths Kampf gegen die Aids-Krise. Sie habe sich gegen moralische Ausgrenzung und Verurteilung der Betroffenen gestemmt und der damaligen Vorstellung widersprochen, die Krankheit sei eine Strafe. „Nicht den Betroffenen sagte sie den Kampf an, sondern der Krankheit.“ Als Bundestagspräsidentin habe sie die Möglichkeiten des Amtes neu definiert. „Rita Süssmuth hat unser Parlament als moralische Institution gestärkt.“
Nicht den Betroffenen sagte sie den Kampf an, sondern der Krankheit.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) über Süssmuths Einsatz für Aidskranke
Für den Publizisten und Autor Heribert Prantl war sie eine „Möglichmacherin“. „Sie hat Unmögliches möglich gemacht“, sagte Prantl. Sie sei mutig und leidenschaftlich gewesen und habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besessen. Dabei sei sie menschenfreundlich gewesen und habe eine Herzenswärme ausgestrahlt.
Die CDU-Politikerin habe sich über moralische Herabsetzungen hinweggesetzt und sei für ungewollt Schwangere und Homosexuelle eingetreten, so Prantl weiter. Als sie entgegen der Parteilinie für eine Liberalisierung der Abtreibungsregelung eingetreten sei, habe sich die gläubige Katholikin auch den Zorn katholischer Bischöfe zugezogen.
Auch Prantl würdigte Süssmuths Einsatz für Aidskranke. Ihr Leitspruch sei gewesen, die Krankheit zu bekämpfen und nicht die Betroffenen. Sie habe sich dafür eingesetzt, Aidskranke nicht auszuschließen und zu isolieren, sondern stattdessen auf Aufklärung und Prävention zu setzen. (dpa/KNA)