Tschüss Mailand und Cortina – Hallo Nizza : Endlich barrierefrei und Curling-Erfolg der Deutschen
Nach den Spielen in Peking 2022 formulierte das damalige Team der Paralympics Zeitung Wünsche, die bei den folgenden Spielen 2026 in Erfüllung gehen sollten. Vier Jahre später fragen wir uns: Was davon ist wahr geworden?
Endlich Winter: 2026 ist es klirrend kalt, die Bedingungen sind perfekt.
Direkt der erste Wunsch ein Eigentor. Die Wetterverhältnisse während der Spiele setzten den Athlet:innen zu. Beim Snowboard-Wettbewerb in Cortina d’Ampezzo lag die Temperatur bei 17 Grad Celsius. „Es sind doch Winterspiele und keine Frühlingsspiele“, klagte der deutsche Starter Christian Schmiedt. Auch bei den Langlauf-Wettbewerben in Tesero sind die Bedingungen Thema, Marco Maiers Outfit mit kurzer Hose erlange fast schon Kultstatus.
Senioren-WG: Forster und Rothfuss drehen bei den Spielen nochmal auf.
Check. Mit zwei Goldmedaillen und einer Silbermedaille hat Anna-Lena Forster ihre Ausnahmestellung erneut bewiesen. Als der Wunsch 2022 formuliert wurde, war noch nicht klar, dass Andrea Rothfuss zwei Jahre Zwangspause machen müsste. Umso beeindruckender war ihr Comeback. Ihren Ruhestand nach den Spielen hat sie sich redlich verdient.
Multitalent Mehman Ramazanzade startet als erster Aserbaidschaner bei Paralympischen Winterspielen – in der Sportart Rollstuhl-Shorttrack.
Weder noch. 2022 hätte es für die Para Sportikone aus Aserbaidschan fast geklappt, eine Armverletzung stoppte ihn vor seinem Debüt im Skilanglauf. Vier Jahre später hatte sich kein Athlet aus Aserbaidschan für die Spiele in Italien qualifizieren können. Auch die Premiere der Sportart Rollstuhl-Shorttrack erfüllte sich nicht.
Hauptsache Italien: Das deutsche Para Eishockey Team qualifiziert sich für die Spiele.
Ja! 20 Jahre nach den Spielen in Turin stellte Deutschland wieder ein Para Eishockey Team. Am Ende des Turniers landeten sie auf Platz sechs. Gegen die Profiteams aus China und den USA hatten sie keine Chance. Aber mit dem hochdramatischen 4:3 gegen die Slowakei gelang der historische erste Sieg bei Paralympischen Spielen. Felix Schrader schoss alle vier Tore und wurde zum Helden auf dem Eis.
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Douglas und die Kritiker: Dackel Douglas von Ex-Para Biathlet Martin Fleig gewinnt 2026 bei den Hundespielen seine erste Medaille.
Zur Schlittenhund-Karriere reichte es für Douglas leider nicht. Bei Herrchen und Frauchen Fleig ist der Dackel aber immer noch glücklich. „Ich weiß leider nicht, wo der Wunsch von euch herkam“, antwortete Stefanie Fleig auf die Anfrage von uns. „Aber ihr habt mir eine Steilvorlage für ein witziges Instagram-Reel gegeben!“ Vielleicht wird es ja doch noch was.
Aigner Universe: Die Aigner-Geschwister Barbara, Veronika, Johannes und Elisabeth holen mindestens zehn Podestplatzierungen und damit noch mehr als in Peking 2022.
Zehn wurden es am Ende nicht, dennoch: Mit insgesamt neun Medaillen waren die Aigners einmal mehr die Erfolgsgaranten für Österreich. Alle zusammen waren dieses Mal aber nicht am Start. Barbara beendete ihre Karriere im Januar 2025. Elisabeth wurde aufgrund eines Kreuzbandrisses nicht rechtzeitig fit und stand Veronika nicht als Guidin zur Verfügung. Mit den Ersatz-Guid:innen Lilly Sammer (Speed) und Eric Digruber (Technik) holte sie trotzdem fünf Medaillen, davon viermal Gold und einmal Silber. Bruder Johannes hatte ebenfalls reichlich Grund zum Feiern, am Ende stand viermal Edelmetall für ihn, davon dreimal Gold und einmal Bronze.
Digitale Serie „Paralympics Zeitung“
Dieser Text erscheint im Rahmen der „Paralympics Zeitung“ – ein Gemeinschaftsprojekt von Tagesspiegel und Aktion Mensch. Alle Texte zu den Winterspielen in Mailand Cortina 2026 finden Sie hier.
Die besten Spiele aller Zeiten: Die Spiele fallen in eine friedliche Zeit und alle Entscheidungen des IPCs waren transparent und klar.
„Im Vorfeld waren alle Entscheidungen des IPCs transparent und klar, sodass IPC-Präsident Andrew Parsons knapp zwei Wochen später das Fazit verkündet: Das waren die besten Spiele aller Zeiten“, schrieb das PZ-Team damals. Muss man dazu überhaupt etwas sagen? (*Hust, Wiederaufnahme von Russland, Hust*). Und dass die Spiele in eine friedliche Zeit fallen, kann man angesichts der aktuellen geopolitischen Lage wahrlich nicht behaupten.
100 und eine Medaille: China holt als erste Nation über 100 Medaillen.
Nein. Zwar dominierte China die Spiele 2026 erneut. Mit insgesamt 44 Medaillen holten sie sich souverän Platz eins im Medaillenspiegel. An ihre 61 Medaillen von 2022 kamen sie aber nicht heran.
Ende der Pandemie: Corona spielt 2026 keine Rolle mehr.
Gott sei Dank. Von Abstandsregelungen und täglichen Tests waren wir so weit entfernt wie Team Deutschland vom ausgerufenen Ziel Platz sechs im Medaillenspiegel. Auch das Team der Paralympics Zeitung durfte die Wettbewerbe in Cortina vor Ort begleiten. Einziger Makel: Das deutsche Para Ski Nordisch Team in Tesero wird von einer Krankheitswelle heimgesucht. Sebastian Marburger holte trotz Infekt noch zwei Silbermedaillen, bei den zehn Kilometern musste er erschöpft aufgeben. Auch Johanna Recktenwald erwischte es. Auf die zehn und zwanzig Kilometer konnte sie gar nicht antreten.
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Haare schön: Christoph Glötzner oder Leander Kress holen im Ski alpin Medaillen und färben sich die Haare pink.
Leider Fehlanzeige. Christoph Glötzner wurde auf der Piste in Cortina von Stürzen heimgesucht und brachte lediglich seine beiden Läufe im Slalom am letzten Wettkampftag ins Ziel. Um Medaillen konnte er nicht kämpfen. Von Best-Buddy Leander Kress fehlte in Italien jede Spur. Der 25-Jährige beendete 2024 seine Karriere im Para Ski alpin.
Regenbogen für alle: Die Athlet:innen dürfen die Reichweite der Spiele nutzen und mit Gesten, Accessoires und Bannern Zeichen für die Menschlichkeit setzen.
Politische Statements brachten während der Spiele reichlich Diskussionsstoff. Das ukrainische Team erhob schwere Vorwürfe gegen das IPC, unter anderem musste die Flagge im Paralympischen Dorf abgenommen und an einen weniger sichtbaren Ort gehängt werden. Das deutsche Langlauf-Duo aus Linn Kazmaier mit ihrem Guide Florian Baumann sorgte für Wirbel, als sie bei der Siegerehrung dem russischen Sieger während der Hymne den Rücken zudrehten.
Das sind unsere Wünsche für die Winterspiele 2030 in den französischen Alpen
Mehr Goldmedaillen!
Die Bilanz für Team Deutschland bei den Spielen in Cortina war insgesamt doch ein wenig ernüchternd. 2030 ist das aber Schnee von gestern! Anna-Lena Forster zeigt bei ihren letzten Spielen nochmal, was in ihr steckt, aber auch Maya Fügenschuh holt mit ihrer Guidin Johanna Holzmann eine Goldmedaille im Ski alpin. Das Team Para Ski Nordisch wird dieses Mal nicht von einer Krankheitswelle heimgesucht. Statt reihenweise Silber und Bronze gibt es für Johanna Recktenwald, Leonie Walter, Marco Maier und Kolleg:innen dieses Mal reihenweise Gold. Tim Rosenberger
Mehr Taten als Worte
Die Spiele 2030 werden als das begriffen, was sie sind: Eine Sportgroßveranstaltung für Menschen mit Behinderung. Inklusion wird gelebt, und die Aufmerksamkeit für den Para Sport geht über den Vier-Jahres Turnus der Spiele hinaus. Auch Barrierefreiheit wird nicht mehr als Projekt auf Zeit, sondern als nachhaltige Veränderung gesehen.
Gleichzeitig werden bei der Veranstaltung Länder durch ihre Athlet:innen vertreten. Die Vorstellung, dass das unpolitisch sein kann, war etwas kurz gedacht. Natürlich steht der Sport an erster Stelle, jedoch war dieser noch nie „frei von Politik”. Das IPC und die nationalen Verbände haben sich 2030 gemeinsam überlegt, wie man die Paralympics so gestaltet, dass sie fair und zugänglich sind, sowie eine nachhaltige Wirkung haben. Lilli Heim
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Echte Inklusion
Wenn wir von „den besten Spielen aller Zeiten“ sprechen, geht es nicht nur um Rekorde und Medaillen, sondern darum, dass alle sagen: Diese Paralympics 2030 sind wirklich inklusiv – mit echter Selbstbestimmung und Teilhabe für Menschen mit Behinderung, und Volunteers, die von Menschen mit Behinderung gelernt haben und gut vorbereitet sind. Louis Kleemeyer
Deutschland platziert sich im Haus
2030 feiert ein deutsches Rollstuhl Curling-Team sein großes Comeback: Nach zwölf Jahren nehmen die Deutschen erneut am „Schach auf dem Eis“ teil. Und anders als in PyeongChang 2018 fahren sie nicht mit leeren Händen nach Hause. Aus dem zehnten von zehn Plätzen damals wird in Frankreich Edelmetall. Der Underdog ärgert die Favoriten aus Kanada und China. Monja Nagel
Gute Bilder, emotionale Geschichten
In den französischen Alpen steht eine Paralympische Athletin am Start, die Strecke ist gut präpariert. Die Prothese ist neu eingestellt, leichter als die alte, besser angepasst an den Kunstschnee. Die Athletin erreicht das Ziel, Jahre der Vorbereitung, ein Moment, der alles bündelt. Sie wird sagen, dass es das wert war, und es wird stimmen. Die Wissenschaftlerin wird Zahlen präsentieren, nüchtern, belastbar. Sie wird erklären, dass der Winter verschwindet, nicht irgendwann, sondern jetzt. Dass das System sich verschiebt, irreversibel.
Der Funktionär spricht von Neutralität, über Regeln, die für alle gelten sollen. Er spricht davon, dass Sport verbinden soll, dass man differenzieren müsse. Dass es Lösungen gebe, die keine sind, aber als solche funktionieren müssen. Drei Wahrheiten, die nebeneinander existieren. Vielleicht wird 2030 alles funktionieren. Vielleicht braucht es genau diese Bilder, um den Widerspruch auszuhalten. Jemand wird sagen: Dafür hat es sich gelohnt. Claudia Kleist
Aus Mailand und Cortina gelernt
Team D geht mit einer Mannschaft an den Start, die fit und voller Tatendrang ist. Der Fokus der Athlet:innen gilt voll und ganz ihrem Sport und den Spielen. Die entsprechende Förderung in allen Sportarten hat dafür gesorgt, dass es eine Medaille nach der anderen regnet und das Medaillenziel problemlos erreicht wird.
Auch bei der Barrierefreiheit wurde aus 2026 gelernt. Egal ob Zuschauer:in oder Medienvertreter:in im Rollstuhl, alle erhalten vorab ein Handbuch zur Barrierfreiheit und Transportmöglichkeiten. Bei der Ankunft und Akreditierung gibt es Informationen zur Hotline für Rollstuhlshuttles und Hinweise zu speziellen Ansprechpersonen vor Ort. Die Busfahrer:innen sind geübt in der Nutzung der Rampen und die Ansprechpersonen und zuständigen Volunteers sprechen gutes Englisch. Dank diesen Veränderungen zu 2026 ist die Barrierefreiheit nicht länger ein Dorn im Auge sondern Aushängeschild der Paralympics 2030 – einfach, stressfrei und zugänglich, egal ob mit Rollstuhl oder ohne. Anna-Lena Schmid
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Eingeständnis statt Ignoranz
Das IPC, IOC, alle erkennen an: Olympische und Paralympische Spiele sind politisch; die Teilnahme, oder Nicht-Teilnahme eines jeden Landes ist politisch. Keiner tut mehr so, als gelten im Sport andere Regeln, und als könnten wir in Zeiten wie diesen unbedarfte Friedensspiele fernab jeglicher Weltpolitk abhalten. Handlungen haben echten Konsequenzen, für Täter, für Opfer, für alle. Die benennt Andrew Parsons auch in seiner Eröffnungsrede und legt dabei offen, welche Länder Wildcards bekommen haben und wie. Und das Para Eishockey Team muss nicht mehr abseits von Team D alleine seine Erfolge feiern – alle Athlet:innen bejubeln gemeinsam, wie es Bronze gewinnt. Tanja Kunesch