Hartmut Stinus’ letzter Auftritt: Deutscher Mannschaftsarzt mit Showtalent

Deutsches Haus, vorletzter Abend der Paralympischen Winterspiele in Cortina. Zwei Männer betraten die Bühne, beide mit Gitarren um den Hals: Doktor Hartmut Stinus, Mannschaftsarzt von Team Deutschland und der österreichische Skirennfahrer Johannes Aigner. Vor Stinus stand ein Mikrofon und wer ihn kennt, weiß: Der Abend wird besonders.

Stinus und Aigner spielten die ersten Akkorde von „Volare“, dem bekannten italienischen Schlager und schnell klatschte der ganze Saal im Takt. Stinus sah man den Spaß auf der Bühne förmlich an, das Publikum begann, beim Refrain mitzusingen. Stinus nahm das Deutsche Haus mit auf eine musikalische Reise irgendwo zwischen österreichischen Kulthits wie „Du entschuldige, i kenn di“, Klassiker wie „Pretty Woman“ oder Schlager wie „Marmor, Stein und Eisen bricht“.

Hartmut Stinus ist seit Jahrzehnten eine feste Größe im deutschen Paralympics-Team. In Cortina ist er leitender Arzt der Delegation. Fernab der Spiele betreibt der Orthopäde und Unfallchirurg eine Privatpraxis in Bovenden und arbeitet in der Universitätsmedizin in Göttingen. Seine Aufgaben reichen weit über das hinaus, was sich viele unter einem „Team-Doc“ vorstellen. „Ich betreue die Athleten, aber auch die Delegation und die Betreuer“, sagte Stinus. „Von Nasen-Rachen-Infektionen über Magen-Darm- und mentalen Problemen bis hin zu Verletzungen. Ich war für das Team über die letzten 33 Jahre Tag und Nacht erreichbar.“

Digitale Serie „Paralympics Zeitung“

Dieser Text erscheint im Rahmen der „Paralympics Zeitung“ – ein Gemeinschaftsprojekt von Tagesspiegel und Aktion Mensch. Alle Texte zu den Winterspielen in Mailand Cortina 2026 finden Sie hier.

Wenn auf der Piste ein Unfall passiert, sind dort zunächst die Rettungsteams zuständig. Doch sobald der Athlet unten im Zielbereich ist, beginnt Stinus’ Arbeit: Diagnosen, Behandlungen, manchmal auch schwierige Abwägungen. Wohin wird der Sportler gebracht? Reicht die Klinik in Cortina? Oder braucht es ein Traumazentrum in Treviso oder die Spezialklinik in Innsbruck?

Doch auch abseits der dramatischen Stürze muss Stinus ran. Einmal musste er mitten in der Nacht entscheiden, einen Athleten mit septischem Schock in eine Spezialklinik zu verlegen. Ein anderes Mal versagte bei einer Athletin eine Baclofenpumpe, die gegen Spastiken eingesetzt wird – ein lebensbedrohlicher Notfall. „Ich saß eine Nacht am Bett im Stuhl und war verzweifelt“, erinnerte er sich.

Man darf sich nicht so wichtig nehmen.

Hartmut Stinus, Mannschaftsarzt des deutschen Teams

Dazu kommt die Verantwortung für die Anti-Doping-Richtlinien. Jedes Medikament für die Athlet:innen wird von ihm überprüft. „Wenn ich Scheiße baue, bin ich verantwortlich“, sagte er trocken. Manchmal entscheidet er auch, dass ein Athlet nicht starten darf – etwa nach einer Gehirnerschütterung oder einer schweren Virusinfektion.

Durch sein Engagement im Para Sport habe er finanzielle Einbußen gehabt. Aber für Stinus hat sich das gelohnt: „Diese Zeit ist ein Highlight meines Lebens. Ich bin dankbar, ein Mosaiksteinchen zum Erfolg beitragen zu können, aber die Athleten müssen fahren. Man darf sich nicht so wichtig nehmen.“

Zum Ende der Spiele feierten nun die Para Ski alpin-Athletinnen Anna-Lena Forster und Andrea Rothfuss mit Freunden, Familie und der Delegation des Deutschen Behindertensportverbands. Auch die deutsche Ministerin für Arbeit und Soziales, Bärbel Bas, war vor Ort und klatschte enthusiastisch mit. Zwischendurch rief Stinus in den Saal: „Ich bräuchte übrigens noch ein Weizen!“ Bei einer Tanzeinlage stieß er den Mikrofonständer um. Handytaschenlampen leuchteten, das Deutsche Haus verwandelte sich für den Moment in eine kleine Konzertarena. Doch Stinus‘ Auftritt war mehr als nur ein spontanes Konzert. Es war ein Abschied.

Ein Leben für den Para Sport

Die Spiele in Mailand / Cortina waren seine neunten Paralympischen Winterspiele. Begonnen hat alles 1994 in Lillehammer. „Damals war der Parasport noch anders“, sagte Stinus. „Es gab eine große Diskrepanz zwischen Leistungssportlern und Breitensportlern.“ Größen wie Gerd Schönfelder oder Anna Schaffelhuber seien Ausnahmen gewesen. Heute hingegen seien nur noch hochprofessionelle Athlet:innen dabei.

Viele begleitet Stinus seit Jahrzehnten, einige Sportler:innen kennt er, seit sie Kinder waren. „Andrea Rothfuss habe ich als zwölfjähriges Mädchen kennengelernt“, sagte er. Es sind genau diese Begegnungen, die ihn immer haben weitermachen lassen. „Die Athleten sind unglaubliche Persönlichkeiten“, so Stinus. „Sie haben einen Schicksalsschlag erlebt, ihn verarbeitet und machen dann Leistungssport auf höchstem Niveau.“

Musik als Gegenpol

Mit dabei hat Stinus immer eine Reisegitarre, deren Hals sich vom Korpus abschrauben lässt, damit sie in den Koffer passt. Er spielt in Bands, organisiert Oldie-Tanzabende in Göttingen und tritt bei den Paralympics immer wieder im Deutschen Haus auf. „In Sestriere 2006 wurde ich für einen Auftritt von einer Band adoptiert, bei den Weltmeisterschaften in Kanada habe ich in der Show einer Rock’n’Roll-Band mitgespielt“, erinnert er sich. „Musik war immer der Gegenpol zu meinem Beruf“, sagte er. „Da ging es plötzlich um Cis-Moll oder Akkorde – nicht um Medizin.“

An diesem Abend in Cortina stand Stinus wieder auf der Bühne. Nach „Ham kummst“ für die Nachbarn aus Österreich folgte eine leicht umgedichtete Version von „Lena, du hast es oft nicht leicht“ – eine Hommage an die deutsche Goldgewinnerin Anna-Lena Forster. Ihre Mutter betrat die Bühne und überreichte der Para Skirennfahrerin ein T-Shirt mit den Unterschriften ihres Fanklubs. Applaus brandete auf.

Dann wurde Stinus ernst. „Das hier ist ein riesiger Bestandteil meines Lebens“, sagte er ins Mikrofon. „Ich hoffe, ich flenne jetzt nicht gleich.“ Es ist offiziell: Diese Spiele waren seine letzten als Mannschaftsarzt. Eigentlich wollte er schon nach Peking aufhören, aber er konnte nicht loslassen. Jetzt, mit Blick auf sein Alter, fühle es sich richtig an. „Ich habe meine Milch gegeben“, sagte der 67-Jährige. „Ich kann mit erhobenem Haupt abtreten.“ Die nächsten Spiele könne er als Besucher erleben, ohne „Angstschweiß auf der Stirn“.