Der Kampf um die goldene Ananas: Hertha BSC sucht die Motivation für den Saisonendspurt
Linus Gechter machte es im Grunde perfekt. Wie ein geschulter Redner, der schon etliche Rhetorikseminare absolviert hat. Im richtigen Moment legte Gechter eine dramaturgische Pause ein.
Nur war es gar keine Pause. Es war der Schlusspunkt.
Gechter, der Verteidiger von Hertha BSC, stand den Journalisten nach dem Heimsieg gegen den 1. FC Nürnberg Rede und Antwort, und irgendwann kam die Sprache auf die verbliebenen Ziele für den Rest der Saison. „Wir wollen uns auf jedes Spiel konzentrieren und uns keine Ziele setzen“, sagte er. „Einfach jedes Spiel aufs Neue fokussieren und gewinnen und dann ...“
Dann kam nichts mehr. Ob Gechter bewusst im Ungefähren blieb oder plötzlich Angst vor der eigenen Courage bekommen hatte – man weiß es nicht.
So könnte Hertha in Münster spielen
Ernst – Eitschberger, Gechter, Dardai, Karbownik – Seguin, Cuisance – Reese, Dudziak, Brekalo – Kownacki.
Für einen Spieler von Hertha BSC ist es im Moment nicht opportun, sich allzu weit aus dem Fenster zu lehnen. Vor knapp zwei Wochen, nach der desaströsen 2:5-Niederlage gegen den SC Paderborn, hat Stefan Leitl, der Trainer des Berliner Fußball-Zweitligisten, das Ziel Aufstieg offiziell einkassiert. Und aus seiner Sicht gibt es auch keinen Grund, sich wieder zu korrigieren, nur weil seine Mannschaft mal ein Spiel gewonnen hat.
„Ich weiß nicht, warum wir Trainer immer rumeiern müssen“, hat Leitl nach dem zwar verdienten, aber auch mühseligen 2:1-Erfolg gegen den 1. FC Nürnberg gesagt. „Diese Klarheit tut auch mal gut.“
Es ist natürlich nicht einfach, wenn dieses Ziel Aufstieg weg ist.
Herthas Mittelfeldspieler Paul Seguin
Seit den Niederlagen gegen die Aufstiegskonkurrenten Hannover und Paderborn befindet sich Hertha BSC in einer Art Zwischenreich. Einerseits scheint die Saison vorbei zu sein, anderseits ist sie das eben nicht. „Es ist natürlich nicht einfach, wenn dieses Ziel Aufstieg weg ist“, sagt Mittelfeldspieler Paul Seguin. „So ehrlich muss man sein.“
Eigentlich hätte mit dem Spiel am Sonntag beim Abstiegskandidaten Preußen Münster (13.30 Uhr, live bei Sky) für Hertha die sogenannte Crunchtime im Kampf um den Aufstieg beginnen sollen. Auch dank der Segnungen des Spielplans hatten sich die Berliner für diese Phase einiges ausgerechnet.
Die direkten Duelle mit der Konkurrenz liegen nun hinter der Mannschaft. Von den zehn noch verbleibenden Gegnern ist nur einer, der 1. FC Kaiserslautern, in der Tabelle vor Hertha platziert – und das auch nur dank der mehr erzielten Tore.
Die Situation ist für Hertha nicht ungefährlich
Doch statt den Aufstieg vor Augen zu haben und für dieses Ziel alles zu mobilisieren, müssen sich die Berliner nun aus sich selbst heraus motivieren. „Das ist sehr, sehr schwierig“, fürchtet Paul Seguin. „Jetzt spielst du, sage ich mal, um die gefühlte goldene Ananas. Das kann auch cool sein. Aber ich habe immer eher Angst, dass es gefährlich ist.“
Ja, es geht um ein versöhnliches Ende einer wieder einmal unbefriedigenden Saison, es geht um die Ehre, und es geht auch um höhere Fernsehgelder, „die wichtig sind für den Verein“, wie Torhüter Tjark Ernst sagt. Aber es geht eben nicht mehr um das ganz große Ziel.
Für Herthas Gegner geht es um viel
Bei vielen der Gegner, die nun beginnend mit Preußen Münster auf Hertha zukommen, ist das anders. Die meisten spielen um ihre sportliche Existenz – und deshalb mit dem Mute der Verzweiflung. Das macht die Sache für die Berliner nicht zwingend leichter.
Gerade in der Schlussphase einer Saison gibt es immer wieder Ergebnisse, die nach dem Tabellenbild nicht unbedingt zu erwarten sind. Greuther Fürth und Dynamo Dresden haben Schalke 04 zuletzt beide ein Unentschieden abgerungen. Holstein Kiel wiederum hat vor einer Woche nach fünf Pflichtspielniederlagen nacheinander 1:1 gegen den Tabellendritten Elversberg gespielt.
Dass die vermeintlich leichten Gegner nicht immer leicht sind, hat Hertha am Ende der vergangenen Saison erfahren. Im Auswärtsspiel bei Preußen Münster. Nachdem die Berliner sich vorzeitig den Verbleib in der Zweiten Liga gesichert hatten, gab Leitl das Ziel aus, die letzten drei Begegnungen alle zu gewinnen, um mit einem guten Gefühl aus der Saison zu gehen.
Am vorletzten Spieltag musste Hertha bei den Münsteranern antreten, die auf Platz 16 lagen, drei Punkte hinter dem rettenden Ufer. Die Gäste aus Berlin wurden förmlich überrannt und kassierten nach sieben Spielen erstmals wieder eine Niederlage.
Auch jetzt schweben die Preußen wieder in akuter Abstiegsgefahr. Ein Punkt liegen sie vor dem Relegationsrang, drei sind es auf Platz 17. Stefan Leitl erwartet daher für sein Team „eine sehr schwierige Aufgabe, eine komplexe Geschichte“.
Herthas Trainer hat nach dem Sieg gegen Nürnberg immerhin das Gefühl, „dass die Mannschaft noch mal nachlegen will“. Er hofft, dass sie aus der Saison doch noch etwas Positives mitnehmen kann. „Realistisch ist, dass wir die Saison auf Platz sechs beenden können“, sagt Leitl. „Das muss eine coole Aufgabe für uns sein.“ Auch wenn es sich im Moment vielleicht noch nicht so anfühlt.