Das Duell der Giganten: Johannes Lochner hat im Zweierbob beste Chancen auf Gold

Nach der zweiten Fahrt stieg Johannes Lochner sehr entspannt aus seinem Zweierbob, zog sich seinen Helm ab und eine Jacke über, winkte seinen Fans vom Königssee zu und bildete mit beiden Händen ein Herz. Pure Zufriedenheit war daraus zu lesen und lauter Applaus zu hören im Zielbereich der Bobbahn von Cortina. Denn Lochner hatte zwei grandiose Läufe auf der Pista Olimpica Eugenio Monti gezeigt.

Der Bayer führt nach den ersten beiden von insgesamt vier Runden mit 0,8 Sekunden vor Francesco Friedrich, seinem ewigen Gegner, der bei großen Meisterschaften zumeist vor Lochner landete. Diesmal aber, beim Saisonhöhepunkt, deutet sich vor der Entscheidung am Dienstagabend ein Wechsel an. Lochner sagt: „Vor allem der erste Lauf ist mir brutal gut von der Hand gegangen.“

54,68
Sekunden benötigte Lochner im ersten Lauf – neuer Bahnrekord

Das ist keine Übertreibung. Bester Start – 4,78 Sekunden – und Bahnrekord unten im Zielhaus, 54,68 Sekunden. Das war mehr als ein Zeichen, das war eine spektakuläre Zeit. Denn Lochner pulverisierte mit seinem Anschieber Georg Fleischhauer seine eigene Bestmarke im olympischen Eiskanal um 82 Hundertstelsekunden.

In einem Sport, in dem es zumeist um den Bruchteil einer Sekunde geht, ist das eine ganze Welt. Friedrich sagte nach der zweiten Runde: „Acht Zehntel sind enorm. Hansis Setup passt, er hat irgendwas gefunden, was wahnsinnig gut läuft.“

Hansis Setup passt, er hat irgendwas gefunden, was wahnsinnig gut läuft.

Francesco Friedrich über seinen Rivalen Johannes Lochner

Das ist eine große Überraschung, denn Friedrich steht für Erfolg und Triumphe. Er ist der Rekord-Weltmeister und -Olympiasieger, gegen den Lochner bei Großereignissen oft verloren hat. Lochner kommt womöglich entgegen, dass er vor den Olympischen Spielen gar keine Zeit für aufgeregtes Warten und Herunterzählen von Tagen und Stunden hatte, denn „bei mir ballte sich alles auf einmal“.

Das bedeutet: „Der Schreibtisch daheim am Königssee ist voll. Buchhaltung. Dann das Baby, der Jonas, der ist ja gerade mal ein Jahr alt. Zudem natürlich noch das Training. Mein Tag ist voll.“

Neben seinem Job im Bob hat er im Alltag noch einen anderen Arbeitsauftrag zu bewältigen. Lochner ist Gutachter am Institut für forensisches Sachverständigenwesen mit Sitz in Geislingen.

Trotz dieser Vielfach-Belastung gelang ihm in dieser Saison eine enorme Leistungssteigerung. Er gewann die Weltcup-Wertungen im Zweier- und Viererbob, jeweils vor seinem Dauergegner Friedrich. Vor allem die Startzeiten sprachen in diesem Winter und auch am Montag in Cortina für Team Lochner und die sind entscheidend für die weitere Fahrt im Eiskanal.

Grund zur Freude. Johannes Lochner (rechts) und Georg Fleischhauer dürfen auf Gold im Zweierbob hoffen.

© dpa/Robert Michael

Lochner und Friedrich sind beide 35 Jahre alt. Das ist aber fast das Einzige, was die beiden verbindet. Während Lochner ein Instinktmensch und -fahrer ist, der viel auf sein Gefühl und Gespür vertraut, ist der Sachse Friedrich sehr kopfgesteuert. Klar strukturiert, knallharter Zeitplan, großer Ehrgeiz.

Das alles hat auch statistische Auswirkungen. In Bezug auf WM-Titel steht es 18:5 für Friedrich. Bei den Olympiasiegen führt Friedrich mit 4:0 gegen Lochner. Friedrich fehlt noch eine Goldmedaille bei Winterspielen, um auch in dieser Bob-Statistik die alleinige Führung zu übernehmen. Bisher teilt er sich dort Rang eins mit dem Thüringer André Lange.

Ganz anders jedoch sieht es in diesem Winter aus. Sieben Wettkämpfe gab es im Zweier, die Bilanz: 6:1-Siege für Lochner gegen Friedrich. Von den sieben Vierer-Wettkämpfen gewann Lochner drei, Friedrich und Adam Ammour, der dritte deutsche Weltklasse-Bobfahrer und der Dritte nach dem ersten Tag in Cortina, siegten jeweils zweimal. Und auch in den Dolomiten ist Friedrich nun in der Defensive.

Lochner gelang noch ein weiterer Coup neben der Führung nach zwei Läufen in Cortina. Er reaktivierte vor der Saison den eigentlich schon zurückgetretenen Thorsten Margis, der mit Friedrich vier olympische Goldmedaillen und zehn WM-Titel gewann. Margis ist nun eine Art Spion in Lochners Schlitten. „Klar weiß Thorsten, wie Francesco arbeitet. Das ist kein Nachteil für uns“, sagt Lochner. Margis kommt am Wochenende im Vierer zum Einsatz.

Nach der bereits beendeten Weltcup-Saison sind die jeweils vier Läufe im Zweier- und Viererbob von Cortina die letzten, die Lochner als aktiver Athlet bestreiten wird. Nach der Saison ist Schluss. Derzeit ist ein goldener Abschied möglich. Lochner sagt: „Beim Bobfahren weißt du nie, was wird. Aber es schaut schon ganz gut für uns aus.“