Handballer im EM-Finale gegen Dänemark: „Die Jungs sind dieses Mal mit Silber nicht zufrieden“

Gold um den Hals, Buzz Cut auf dem Kopf? In der deutschen Mannschaft wird kurz vor dem EM-Finale über mehr als nur Taktik gesprochen. Ein blondierter Kurzhaarschnitt steht im Raum. „Ein paar Jungs wollen sich vielleicht einen Buzz Cut machen“, sagt Justus Fischer lachend. „Könnt ihr drauf gespannt sein. Ich bin auch dabei.“

Noch ist es nur ein Gedankenspiel – aber eines, das zeigt, mit welchem Selbstvertrauen die DHB-Auswahl um das erste EM-Gold seit 2016 spielen wird.

Das Traumfinale steht. An diesem Sonntag trifft Deutschland auf Olympiasieger und Weltmeister Dänemark (18 Uhr, live bei ZDF und Dyn), wieder einmal in Herning, wieder einmal vor einer Wand aus Rot und Weiß. Es ist die Neuauflage des Olympiafinales von Lille (26:39) – und des EM-Hauptrundenspiels am Montag (26:31). Doch das deutsche Team wirkt mit den darauffolgenden Erfolgen gegen Frankreich und Kroatien nun stabiler, gereifter. Und es hat Gesichter bekommen, die man vor dem Turnier vielleicht nicht erwartet hätte.

Wir haben da echt eine brutale Arbeit geleistet, mit Andi hinten dran.

Nationalspieler Justus Fischer über die Abwehrarbeit im Halbfinale gegen Kroatien

Eines davon: Justus Fischer, Kreisläufer bei der TSV Hannover-Burgdorf. Im Halbfinale gegen Kroatien (31:28) war er am Freitagabend einer der Matchwinner – fünf Blocks, vier Tore bei vier Würfen, ein herausgeholter Siebenmeter. Vor allem aber war er Teil einer Abwehr, die Kroatien in der zweiten Halbzeit förmlich den Stecker zog. „Wir haben da echt eine brutale Arbeit geleistet, mit Andi hinten dran“, sagt Fischer. „Das war auf jeden Fall der Grundstein, dass wir das Spiel so dominiert haben.“

Fischer steht exemplarisch für die neue deutsche Selbstverständlichkeit: kompromisslos in der Defensive, klar im Kopf, frei im Auftreten. Einer, der nichts dramatisiert. „Ich nehme das Leben einfach nicht so ernst“, sagt er. „Ich versuche, alles zu genießen, mit ein bisschen Spaß zu nehmen.“ Dass er nach dem Halbfinale fast durchgehend grinst, passt ins Bild. Und doch weiß er genau, was jetzt kommt. „Der Finaleinzug ist schon noch mal eine andere Hausnummer“, weiß Fischer. „So richtig bei den Männern anzukommen.“

Dänischer Nationalspieler warnt vor dem deutschen Team

Die Aufgabe könnte größer kaum sein. Dänemark lebt vom Tempo, vom schnellen Umschalten, von gnadenloser Effizienz. „Das macht sie halt brutal“, erklärt der 22-Jährige. „Wir müssen es schaffen, das über 60 Minuten in den Griff zu kriegen. Das ist eine absolute Kopfsache.“ Angst klingt anders. „Ich bin mir sicher, dass wir grundsätzlich die Qualität dafür haben. Wir müssen es einfach nur auf die Platte bringen – und das werden wir Sonntag schaffen.“

Friedrich Merz reist zum Finale

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will sich das EM-Endspiel der deutschen Handballer vor Ort gegen Gastgeber Dänemark nicht entgehen lassen. „Wir sehen uns am Sonntag in Dänemark in der Halle“, schrieb er bei X und lobte das deutsche Team nach dem 31:28 gegen Kroatien in der Vorschlussrunde: „Finale – was für ein großartiges Spiel!“

Das Spiel um Gold beginnt am Sonntag in Herning um 18 Uhr (ZDF und Dyn). Die beiden Mannschaften standen sich unter anderem im Endspiel der Olympischen Spiele in Paris 2024 gegenüber. Damals verlor die DHB-Auswahl mit 26:39. (dpa)

Dass diese Überzeugung nicht nur intern existiert, zeigt eine Stimme von der Gegenseite. Simon Pytlick, dänischer Star und ab 2027 Spieler der Füchse Berlin, zollt Respekt: „Ich habe schon oft gesagt, dass Deutschland zu den besten Mannschaften der Welt zählt. Ich kann nicht verstehen, dass Deutschland in diesem Turnier so viel kritisiert wurde. Sie sind total verdient im Finale. Das wird wirklich schwer.“

Auch innerhalb der deutschen Mannschaft greift vieles ineinander. Besonders sichtbar war das im Zusammenspiel von Fischer und Matthes Langhoff von den Füchsen Berlin. „Wir haben uns bei den Blocks gegenseitig angesteckt“, sagt Fischer. Langhoff beschreibt die Chemie so: „Ich spiele total gerne mit Fischi. Wir kennen uns von der U21. Wir sind beide emotionale Typen, die sich auch mal feiern nach einer Aktion. Das gibt Energie, uns und der Mannschaft.“ Genau diese Emotionen machten die Defensive in der Schlüsselphase gegen Kroatien nahezu unüberwindbar.

Bald mit Buzz Cut? Die deutschen Handballer denken über einen blondierten Kurzhaarschnitt fürs Finale nach.

© IMAGO/Maximilian Koch/IMAGO/Maximilian Koch

Bundestrainer Alfred Gislason spürt, dass sich etwas verschoben hat. „Ich glaube nicht, dass die Jungs dieses Mal mit Silber zufrieden sind“, sagt er. „Das Turnier hat großes Selbstvertrauen gebracht. Die Mannschaft hat mehrere Schritte nach vorne gemacht, ist stabiler geworden. Viele sind noch unerfahren und spielen trotzdem sehr abgezockt.“

Fischer passt in dieses Bild. Er weiß, dass noch mehr kommt. „Im Angriff fühle ich mich extrem wohl“, sagt er. „In der Abwehr kann ich mich noch steigern.“ Für den Moment aber zählt nur eines. „Pure Freude“, sagt er nach dem Halbfinale. „Wir können stolz sein, aber der Fokus liegt schon auf Sonntag.“ Regeneration, Video, Familie, dann Finale.

Und vielleicht kommen Deutschlands Handballer am Montag mit Gold zurück in die Heimat. Und mit raspelkurzen Haaren.