Fragwürdige Elfmeter, hohe Siege und Jubel am Montagabend: So liefen Herthas Rückrundenstarts in der Zweiten Liga
Hertha BSC startet an diesem Samstagabend (20.30 Uhr/live bei RTL und Sky) gegen den FC Schalke 04 in die Rückrunde der Zweiten Fußball-Bundesliga. Es ist insgesamt Herthas 18. Saison in dieser Spielklasse.
Wir blicken zurück auf besondere, kuriose und emotionale Geschichten rund um Herthas Rückrundenstarts. Dabei zeigt sich, dass dieser an sich einfache Begriff, der für den Start der zweiten Saisonhälfte steht, gar nicht immer so eindeutig ist.
Klimaschefski schimpft im kleinen Kreis
Es ist 1981 Herthas erste Saison in dieser Spielklasse, eine Winterpause gibt es noch nicht. Die Berliner verabschieden sich am 21. Dezember mit einem 3:0 im Nachholspiel beim 1. FC Bocholt in den Weihnachtsurlaub und legen bereits am 3. Januar mit dem ersten Rückrundenspiel wieder los.
Knapp 10.000 Zuschauer kommen bei starkem Wind und Regen ins Olympiastadion. Sie sehen einen 2:0-Sieg gegen den ausschließlich auf Verteidigung bedachten Neuling VfB Oldenburg, gegen den es am ersten Spieltag auswärts eine 0:2-Niederlage gegeben hatte.
Mit Berlins einstigem Aushängeschild Hertha BSC geht es immer weiter bergab.
Der Tagesspiegel, Ende Mai 1985
Herthas Trainer Uwe Klimaschefski lobt den Gegner auf der Pressekonferenz für die Abwehrleistung – und schimpft danach im kleinen Kreis „über die in der Tat beschämende Taktik der Oldenburger“ (Tagesspiegel). Den direkten Wiederaufstieg verpasst Hertha trotz 123 erzielten Toren letztlich ganz knapp.
Immer wieder Absagen gegen Nürnberg
Hier zeigt sich eindrücklich, dass ein Rückrundenstart nicht gleich ein Rückrundenstart ist. Die Berliner hatten die Saison im Sommer 1984 beim 1. FC Nürnberg begonnen. Da klingt es recht logisch, dass eben dieser Gegner zum Jahresauftakt Mitte Januar ins Olympiastadion kommt.
Doch der Winter hat es nicht so mit Logik. Erst Ende Februar 1985 kann wieder gespielt werden (0:0 gegen den SC Freiburg auf Schneeboden). Das Spiel gegen Nürnberg aber wird mehrmals abgesagt, selbst am 23. April, nach leichtem Schneeregen. Schiedsrichter Wolf-Dieter Ahlenfelder will spielen lassen, doch Stadionverwalter Peter Schließer ist dagegen.
Schließlich kann der Rückrundenauftakt erst kurz vor Saisonende am 28. Mai 1985 nachgeholt werden – Hertha verliert gegen Nürnberg vor 3204 Zuschauern 0:3. Das Ergebnis steht schon nach 22 Minuten fest.
„Mit Berlins einstigem Aushängeschild Hertha BSC geht es immer weiter bergab“, bilanziert der Tagesspiegel. Am Schluss der Saison wird es Rang 14, sieben Plätze hinter dem Lokalrivalen Blau-Weiß 90.
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Erfolg in Solingen hilft nur kurz
Auch in der folgenden Spielzeit wird der Plan etwas durcheinandergewirbelt, nur in die andere Richtung und nicht wegen des Wetters. Dieses Mal spielt Hertha gegen den ersten Gegner Union Solingen bereits am 21. Oktober 1985 erneut. Möglich geworden ist die Verlegung aus dem Dezember, weil beide Teams in der ersten Pokalrunde gescheitert waren (Hertha 2:5 gegen den Bundesligisten Bayer Leverkusen).
Mit dem 3:2-Erfolg in Solingen verschaffen die wieder im Abstiegskampf rudernden Berliner ihrem in der Kritik stehenden Trainer Uwe Kliemann etwas Luft. Doch bald darauf muss Kliemann gehen. Bis Saisonende folgen nacheinander Hans „Gustav“ Eder, Rudi Gutendorf und Jürgen Sundermann. Es hilft alles nichts, Hertha steigt erstmals in die Oberliga ab.
Dreierpack von Gries in Münster
1989 ist Hertha längst zurück in der Zweiten Liga, inzwischen gibt es im deutschen Profifußball eine lange Winterpause. Diese beginnt wenige Tage vor Weihnachten, als die Rückrunde bereits in vollem Gange ist. Begonnen hatte sie Ende November mit Herthas bis heute höchstem Sieg zum Zweitliga-Rückrundenstart: 6:2 bei Aufsteiger Preußen Münster, Theo Gries trifft dreimal.
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„Imponierender Angriffsfußball“, schreibt der Tagesspiegel. „Unsere Spieler haben ihr ganzes Können eingesetzt und viel geleistet“, freut sich Trainer Werner Fuchs, mit dem Hertha einige Monate später aufsteigt.
Basler trifft gegen Stahl
Nach dem völlig missratenen Ausflug in die Bundesliga spielt Hertha 1991 wieder zweitklassig. Diese Saison ist wie keine andere. Erstmals sind Mannschaften aus der ehemaligen DDR dabei, gespielt wird in zwei Staffeln (Nord und Süd) mit je zwölf Teams.
Im Norden eröffnet Hertha die Rückrunde bereits am 5. Oktober mit einem 3:0 gegen Stahl Brandenburg vor gut 8000 Besuchern im Olympiastadion. Publikumsliebling Gries trifft dieses Mal nicht, trotzdem fordern die Fans: „Theo für Deutschland“. Die Tore erzielen Mike Lünsmann, Thomas Rath und Mario Basler.
Auf die normale Runde folgt eine Meisterrunde, für die sich Hertha gerade noch so qualifiziert. Dank einer Erfolgsserie im Frühjahr reifen Aufstiegsträume – bis zum 0:5 im Olympiastadion gegen Bayer Uerdingen vor einer für damalige Zeiten sensationellen Kulisse (über 23.000 Zuschauer).
Beinlich verwandelt „Witz“-Elfer für Hansa
Zur Halbzeit der Saison 1994/95 ist Hertha oben dran. Nach der Winterpause geht es Mitte Februar zu Hansa Rostock. Die Gäste spielen gut, führen zur Pause verdient 1:0 durch Lünsmann.
Direkt nach dem Wechsel kippt das Spiel innerhalb von fünf Minuten, verantwortlich dafür zeichnen zwei in Berlin inzwischen sehr bekannte Namen. Erst verwandelt Stefan Beinlich einen Foulelfmeter, den nicht nur Herthas Trainer Karsten Heine als „Witz“ bezeichnet, dann trifft Steffen Baumgart.
Danach taucht die Mannschaft wieder einmal ins Mittelfeld der Tabelle ab. Eine Besonderheit stellt das Spiel gegen Hansa trotzdem bis heute dar: Seitdem hat Hertha zum Rückrundenauftakt in Liga zwei nicht mehr verloren.
Spätester Start am Bruchweg
Den spätesten Zweitliga-Rückrundenstart vollzieht das Team 1997: Erst am 24. Februar wird die Partie beim FSV Mainz 05 ausgetragen. Seinerzeit gibt es die beim DSF (später Sport1) übertragenen Montagsspiele.
Dank Michel Dinzey gewinnen die Gäste vor nicht einmal 10.000 Zuschauern im nasskalten Bruchwegstadion 1:0 und bleiben voll im Rennen um den Aufstieg. Im Mai gelingt tatsächlich der Sprung nach oben.
Emotionaler Abschied von Kay Bernstein
Im Januar 2024 erleben die knapp 43.000 Zuschauer den emotionalsten und traurigsten Rückrundenstart. Hertha empfängt Fortuna Düsseldorf. Das Spiel endet 2:2, doch das ist nicht wichtig. Wenige Tage vorher ist Präsident Kay Bernstein überraschend im Alter von 43 Jahren verstorben.
Morgens gibt es einen Trauermarsch, vor dem Anpfiff hält Stadionsprecher Fabian von Wachsmann eine bewegende Rede. Während des Spiels ist es weitgehend still im Stadion. Nach seinem Tor zum 1:0 zeigt Haris Tabakovic ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „Wir Herthaner – in tiefer Trauer“.