Passt wie Arsch auf Eimer: Miron Muslic hat den FC Schalke 04 mit sich selbst versöhnt
Etwas mehr als ein halbes Jahr ist Miron Muslic inzwischen in verantwortlicher Position für den FC Schalke 04 tätig. Aber noch immer schafft es der Cheftrainer des Fußball-Zweitligisten, die Menschen zu überraschen, mit denen er auf Schalke zusammenarbeitet.
Wenn Muslic auf der Geschäftsstelle zufällig jemanden trifft, mit dem er in der Vergangenheit schon mal zu tun gehabt hat – und sei es noch so flüchtig gewesen –, dann grüßt er freundlich bis überschwänglich und spricht die Person in der Regel mit ihrem Namen an. Sein Gegenüber wundert sich dann: Hä, wieso weiß der noch, wie ich heiße?
Auch wegen solcher vermeintlicher Kleinigkeiten wird man beim S04 derzeit wohl niemanden finden, der ein schlechtes Wort über Muslic verliert. Im Gegenteil: Alle schwärmen von ihm.
Das liegt zum einen daran, dass der 43 Jahre alte Bosnier mit österreichischem Pass, so ein netter und umgänglicher Mensch zu sein scheint. Es liegt aber vor allem daran, dass Muslic auf Schalke überaus erfolgreich als Trainer arbeitet – erst recht nach den vergangenen beiden Jahren, die für den stolzen Klub aus dem Ruhrgebiet ein einziges Missvergnügen waren.
Im Sommer 2023 sind die Schalker, gemeinsam mit Hertha BSC, aus der Bundesliga abgestiegen. Doch statt ernsthaft um den Aufstieg zu kämpfen, ist der Klub in den beiden Spielzeiten seitdem jeweils in akute Abstiegsgefahr geraten. Insgesamt fünf Trainer – inklusive Interimslösungen – durften sich seit dem Abstieg an und mit Schalke versuchen.
Muslic war im vergangenen Sommer der Sechste, und dass seine Anstellung damals auf helle Begeisterung gestoßen wäre, das lässt sich nicht gerade behaupten. Viele fragten sich eher, warum Schalke trotz der bekannten finanziellen Probleme eigentlich 700.000 Euro Ablöse für einen Trainer ausgibt, der gerade mit Plymouth Argyle aus der zweiten englischen Liga abgestiegen war.
Inzwischen sprechen einige Indizien dafür, dass das Geld gut angelegt ist. Wenn der S04 an diesem Samstag (20.30 Uhr, live bei RTL und Sky) im Top-Spiel der Zweiten Liga bei Hertha BSC gastiert, dann tut er das immerhin als Tabellenführer.
„Man hat uns diesen Weg, den wir eingeschlagen haben, nicht zugetraut. Das macht uns stolz“, hat Muslic am Ende der Hinrunde gesagt, die für die Schalker ganz anders verlaufen ist als im Sommer erwartet. „Wir haben Fußball-Deutschland gezeigt, dass wir auch anders können.“
Muslic als Cheftrainer
- Florisdorfer AC (1. August bis 31. Dezember 2020)
- SV Ried (1. Januar bis 25. März 2021)
- Cercle Brügge (19. September 2022 bis 2. Dezember 2024)
- Plymouth Argyle (12. Januar bis 30. Mai 2025)
- FC Schalke 04 (seit 31. Mai 2025)
Schalkes Suche nach einem geeigneten Trainer schien in den beiden Jahren zuvor eher dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ zu folgen. Miron Muslic aber passt wie Arsch auf Eimer. Da kann er noch so oft betonen, dass Fußball ein Players‘ Game sei, das Spiel der Spieler, und der Impact des Trainers „sehr limitiert und weit überschätzt“ sei. Schalkes unerwarteter Aufschwung ist vor allem ihm und seinem Wirken zuzuschreiben.
Er lebt eine Höchstleistungskultur vor, kann aber auch inspirieren und begeistern.
Schalkes Sportvorstand Frank Baumann über Miron Muslic
Frank Baumann, seit Juni Sportvorstand der Schalker, hat Muslics Verpflichtung sogar als die bisher beste Entscheidung seiner Amtszeit bezeichnet. „Er lebt eine Höchstleistungskultur vor“, hat Baumann bei der Vorstellung des Trainers im Sommer gesagt. „Er kann aber auch inspirieren und begeistern.“
Als die Schalker zu Saisonbeginn nach drei Siegen aus den ersten vier Spielen erstmals in dieser Saison einen Aufstiegsplatz belegten, galt das vielen noch als Laune des Schicksals. Eigentlich, so der Tenor, sei der Kader fußballerisch nicht gut genug, um sich auf Dauer oben festzusetzen.
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Vollständig verflogen ist diese Skepsis noch nicht. „Ich rechne damit, dass sie in der Rückrunde einbrechen werden“, hat Felix Kroos, der Experte des Fernsehsenders RTL, vor dem Start der Rückrunde gesagt. „Schalke wird nicht aufsteigen.“
Wir sind eine Mannschaft, die sich definiert über Intensität, über Arbeit, über Geschlossenheit. Wir sind unangenehm in allen Spielphasen.
Schalkes Trainer Miron Muslic
Dabei hat Muslic seinem Team einen Stil verpasst, der dessen offenkundige Schwächen fast vollständig kompensiert und seine Stärken umso mehr zur Geltung bringt. Denn Basis von allem ist eine überragende Defensive.
Die Herangehensweise ist der von Stefan Leitl bei Hertha gar nicht mal unähnlich, aber Muslic, ein großer Bewunderer von Jürgen Klopp, scheint das Prinzip auf die Spitze getrieben zu haben. Nur zehn Gegentore hat sein Team in den bisherigen 17 Spielen kassiert. Zwölf Spiele haben die Schalker in der Hinrunde gewonnen – acht davon mit lediglich einem Tor Differenz. Und nur einmal erzielte die Mannschaft mehr als zwei Treffer.
Schalke hat weniger Tore geschossen als der Tabellenletzte
„Wir sind eine Mannschaft, die sich definiert über Intensität, über Arbeit, über Geschlossenheit“, sagt Muslic. „Wir sind unangenehm in allen Spielphasen.“ Allerdings geht die Konzentration auf das Spiel gegen den Ball bisher eindeutig zulasten der eigenen Offensive. „Wir wissen schon, dass wir mehr Durchschlagskraft brauchen“, hat Muslic vor dem Spiel in Berlin gesagt.
Mit nur 22 Toren stellen die Schalker gerade mal den zwölftbesten Angriff der Liga; nie zuvor ist eine Mannschaft mit so wenigen Treffern Herbstmeister geworden. Selbst die beiden Letzten der Tabelle, Greuther Fürth und Dynamo Dresden, haben mehr Tore erzielt als der Spitzenreiter.
Kein Team der Zweiten Liga hat zudem so wenig Ballbesitz wie Schalke (41,7 Prozent), keines auch eine derart schlechte Passquote (69,7 Prozent). „Ballbesitz war nie das Thema“, sagt Muslic. „Wir haben die absolute Spielkontrolle ohne Ball. Das ist auch möglich.“
Was Schalke spielt, sieht nicht schön aus, ist bisher aber äußerst erfolgreich. Und bedient die Sehnsucht nach ehrlicher Arbeit, die im Pott mit seiner Bergbautradition immer schon hochgehalten wird.
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Dass Miron Muslic mit seiner Biografie ein überaus glaubwürdiger Vertreter der Malocher-Mentalität ist, ist dabei mehr als nur eine Fußnote. Schalkes Trainer, der es als Fußballer nicht über die zweite österreichische Liga hinausgeschafft hat, musste sich alles hart erarbeiten. Nirgends weiß man das so zu schätzen wie im Ruhrgebiet.
Muslic war neun Jahre alt, als er mit seinen Eltern und seiner Schwester im Mai 1992 wegen des jugoslawischen Bürgerkriegs aus Bihac in Bosnien nach Österreich fliehen musste. Über Nacht ging damals seine behütete Kindheit mit Haus, Garten und Freiheit zu Ende.
Die vierköpfige Familie lebte zunächst im Personalzimmer des Hotels, in dem Muslics Eltern eine Anstellung gefunden hatten. Es gab ein Bett, einen Schrank und ein Waschbecken. Sein Vater und seine Mutter schliefen abwechselnd auf dem Boden, damit die Kinder Platz im Bett hatten. „Mein Leben als Flüchtlingskind hat mich abgehärtet“, sagt Muslic.
Diese Erfahrung hält ihn nach eigener Aussage nicht nur mit beiden Füßen auf dem Boden, sie verbindet ihn auch mit den Menschen in Gelsenkirchen. Die müssten ebenfalls ständig gegen Widerstände ankämpfen, sich stets neu beweisen, und alles im Leben schwer und hart erarbeiten.
„Meine Geschichte, mein Werdegang, meine Kindheit und Jugend fühlen sich sehr ähnlich an“, sagt Miron Mulic. Er ist deshalb „felsenfest davon überzeugt, dass ich vor allem als Mensch hierhin passe“.