Der »Polizeiruf« aus Magdeburg im Schnellcheck

Das Szenario:

Ihr Körper, sein Kampf. Eine Pro-Choice-Aktivistin, die bei einer Gynäkologin arbeitet, ist aufgrund manipulierter Fahrradbremsen zu Tode gekommen. Bei den Ermittlungen gerät Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) auch an religiös motivierte Pro-Life-Aktivisten, die vor der Praxis junge schwangere Frauen einzuschüchtern versuchen. Einer der »Lebensschützer« entführt eine polnische Abiturientin, die bei der Gynäkologin einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen will.

Der Clou:

Debatte bis über die Schmerzgrenze hinaus. Was als konventioneller, etwas hölzerner Thementhriller beginnt, in dem die Positionen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen durchgespielt werden, öffnet sich in eine Selbstbefragung, aus der niemand zum Nulltarif rausgeht. Zwar nimmt dieser »Polizeiruf« klar die Pro-Choice-Haltung ein – er spielt aber auch die Härten und Widersprüche durch, die eine solche Haltung für die weiblichen Figuren bedeutet.

Das Bild:

Wenn die Gewalt umgekehrt wird. In einer Szene sehen wir, wie eine Pro-Choice-Kämpferin (Luna Jordan) einen gewaltbereiten Pro-Life-Fundamentalisten (Sebastian Jakob Doppelbauer) bedroht. In einer markanten Einstellung wird die gewendete Machtkonstellation aus klassischer Froschperspektive gezeigt: der Mann am Boden, die Frau über ihm.

Der Auftritt:

Claudia Michelsen als Kommissarin, die in den Trümmern ihrer eigenen Mutterschaft über Abtreibung nachdenkt. Zur Selbstgedrehten erzählt die Ermittlerin von den eigenen Zweifeln, die sie in Bezug auf ihren Sohn hat. Der wurde in der ersten Folge des Magdeburger »Polizeirufs« 2013 als brutaler Nazi gezeigt, kam danach aber kaum noch in der Handlung vor. Radikal, wie von Michelsen die Entfremdung von der Mutterrolle ausgespielt und als schmerzhaftes Pro-Choice-Statement lesbar wird.

Der Song:

»Al Huriye Unt'a (Freedom for my Sisters)« von Dam . Die auf Arabisch gerappte Solidaritätsadresse an die »Schwestern« vom palästinensischen HipHop-Trio Dam hört die aus Libyen stammende Pro-Choice-Aktivistin auf dem Fahrrad, bevor sie aufgrund der kaputten Bremsen auf einer Straßenkreuzung zu Tode kommt. Schon der Anfang dieses Krimis ist also brutal politisch aufgeladen.

Die Bewertung:

8 von 10. Zur Hälfte Statement, zur Hälfte Selbstzerfleischung: Dieser »Polizeiruf« tut angemessen weh.

Die Analyse:

Lesen Sie bitte hier weiter!

»Polizeiruf 110: Your Body My Choice«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

Szene mit Luna Jordan und Sebastian Jakob Doppelbauer: Der Mann am Boden, die Frau über ihm

Foto: Felix Abraham / MDR